Kiesdorfer Schulen

Ist der Mensch 7 bis 8 Jahre alt, muss er in die Schule. Das ging uns so, das ging unseren Vorfahren so, und das wird wohl auch so bleiben. Wann begann es eigentlich?

Die Entstehung des ländlichen Schulwesens wird im Allgemeinen der Reformation zugeordnet. Schulunterricht setzt gebildete Leute als Lehrer voraus.

Sie waren im Bereich der Kirche zu finden: als Pfarrer, aber auch als Kirchendiener. So waren Schulen immer in nächster Nachbarschaft von Kirchen angesiedelt. Als Beispiele dienen Bernstadt, Schönau, Dittersbach. Wie aber war das in den beiden ,,Kiesdörfern”? Eine eigene Kirche wurde nicht errichtet. Aber wenn der Mensch 7 bis 8 Jahre alt ist … siehe oben! Oberkiesdorf war in Bernstadt, Niederkiesdorf ,,wegen der größeren Nähe” in Schönau eingepfarrt. Damit waren die Weichen gestellt.

Im Oberdorf verlief die Sache etwas anders - für die Niederkiesdorfer jedoch führte der Schulweg über den Pappelweg (Kirch- oder Leichenweg, wie es in alten Schriftstücken heißt) in die Schönauer Kirchschule. Pfarrer Keil überliefert uns 1904 in seinem Buche ,,Welke und grüne Blätter aus der Geschichte der Kirchgemeinde Schönau mit Niederkiesdorf a. d. E. wichtige Fakten über den Anfang des Schulwesens im Kirchspiel. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es bei uns schon vor 1586 ,,Schule” gab, aber seit diesem Jahr gibt es verlässliche Nachrichten über die Schule und den Lehrer in Schönau. Aus dem Jahr 1619 ist gar ein Vertrag mit dem damaligen Kirchendiener Christoph Päuerlein bekannt, der ihn als Lehrer ausweist. Im Punkt 7 seines Dienstvertrages als Kirchendiener ist festgelegt, dass ,,er will fleißig Schule halten, die Kinder in dem Katechismus und Gebetbüchlein fleißig unterrichten, des Winters Vormittag 2 Stunden und Nachmittag 2 Stunden, des Sommers 3 Stunden.” Somit waren die Kirchendiener die Lehrer allgemein für die Bevölkerung.

Begüterte konnten sich auch Hauslehrer halten. Aber 250 Jahre später finden wir immerhin noch eine Anzahl Leute, die nur die berühmten ,,3 Kreuze” machen konnten. (in ihrer wahren Bedeutung!) Die Lehrer waren auch die Schreiber bei den örtlichen Gerichten sowie häufig auch in den Gemeinden. 1790 errichteten die Niederkiesdorfer eine eigene Schule. Bis dahin gingen sie nach Schönau. Sie mussten jedoch den Schönauer Lehrer auf Lebenszeit entschädigen. Noch um 1830 finden wir in den Niederkiesdorfer Gemeinderechnungen z.B. Ausgaben für die Erhaltung des Schulzaunes in Schönau vermerkt. Die erste Niederkiesdorfer Schule war ein kleines Umgebindehaus in der Dorfstraße, jetzt Nr.76, gegenüber der neuen Gaulebrücke. Es wurde etwa 1960 abgerissen Ein Foto aus den 50er Jahren ist erhalten. Große räumliche Enge und Baufälligkeit des Häuschens machten etwa 1840 die Errichtung eines neuen, steinernen Gebäudes nötig. Es wurde schräg gegenüber der alten Schule gebaut und steht noch, Dorfstraße 74. Es diente bis zur Schaffung der Gemeinschaftsschule 1871 dem Schulunterricht, war dann Schmiede (Buhl-Schmiede) und ist jetzt Wohnhaus.

Unser Schulwesen früher Oberkiesdorf

Oberkiesdorf war in Bernstadt eingepfarrt worden. Und so stand auch die Schule für die Oberkiesdorfer neben der Bernstädter Kirche. Diese Schule wird erstmals 1519 erwähnt. Sie brannte 1686 mit ab, war 1735 wiedererrichtet und wurde nun sogar als Stadt- und Landschule bezeichnet. Der Weg zur Kirche erwies sich für die erwachsenen Oberkiesdorfer als nicht unbeschwerlich, namentlich im Winter. Und dieser Weg sollte eigentlich auch der Schulweg für die Kinder sein. Aber daraus wurde nie so recht etwas. Es ergaben sich große Komplikationen.

So forderte schließlich ein Bernstädter Pfarrer, die Kiesdorfer sollten eine eigene Schule einrichten, was sie offensichtlich auch taten. Die Obrigkeit war damals die Klosterherrschaft. Ihr oblag die Vergabe von niederen kirchlichen Ämtern (Collaturrecht). Sie musste einen Lehrer bestätigen, sonst galt er als Winkellehrer. (So wie wir heut den Begriff ,,Winkeladvokat” kennen.) Die Oberkiesdorfer bemühten sich also um die Zustimmung der Frau Äbtissin. Der Rat von Bernstadt forderte seinerseits wohl den Besuch der Bernstädter Schule durch die Kiesdorfer Kinder. Die Äbtissin bestätigte in einer Urkunde vom 12. November 1750 den Oberkiesdorfern, ,,daß es ferner bei dem alten Herkommen verbleiben, und ihr einen eigenen Schulmeister, oder eure Kinder in die Nachbarschaft gelegene Schule schicken möget. Die Bernstädter bemühten nun das Gericht. Am 15. Juli 1766 wurde der 82jährige Oberkiesdorfer George Linnert, ein Gedingebauer, nach Bernstadt ins Amtshaus bestellt. Er musste 40 Fragen beantworten, alle die Oberkiesdorfer Schulangelegenheit betreffend. Er berief sich dabei auf die genannte Urkunde, ohne dass die aber vorgelegt werden konnte. Protokolliert wurde Linnerts Aussage, dass „vor 20 Jahren von Gnädiger Herrschaft erlaubt worden wäre, in Oberkiesdorf einen eigenen Schulmeister zu halten und darüber eine Konzession ausgestellt wurde. Sonst wäre die Oberkiesdorfer Jugend nach Dittersbach in die Schule geschickt worden, und wäre von ihnen niemand nach Bernstadt geschickt worden, außer der studieren und was großes lernen wollen”. „Auch hätten die Oberkiesdorfer seit undenklichen Zeiten nichts mit der Schule in Bernstadt zu schaffen gehabt.” Es gab aber weitere Probleme.

Der Bernstädter Lehrer war auch Kirchendiener. Für seinen Unterhalt mussten die Kiesdorfer allerdings mit aufkommen .Er wohnte offenbar auch in der Schule. Warum aber sollte man für die Schule mit aufkommen, wenn er nicht der Lehrer für ihre Kinder war? Es gab einen jahrelangen Streit, der erst 1809 mit einem Vergleich endete.

Die Oberkiesdorfer Schule ist mit dem Jahre 1784 im Brandkatasterbuch nachgewiesen, aber nicht, wann sie errichtet wurde. Sie stand an der heutigen Ufergasse vor der Gaulebrücke links. Nachfolgendes Grundstück ist die Ufergasse 2, ehemals Freund. Das Haus diente als Schule bis etwa 1840. Dann errichtete man ein massives Gebäude, das bis 1871 als Schule diente und später die Tischlerei Mauke wurde, heute Dorfstraße 9. Das alte, noch mit Stroh gedeckte ehemalige Schulhaus war nach dem 2. Weltkrieg noch bewohnt, wurde aber Ende der 40er Jahre abgerissen. Es gelang leider bisher nicht, ein Foto von diesem Häuschen zu bekommen.

Schulwesen in Ober- und Niederkiesdorf

Die ersten Schulen in den beiden Gemeinden waren recht kleine Häuschen. So wies das Niederkiesdorfer Haus am Giebel 2 Umgebinde aus, und - was die Länge der Schulstube ausmachte - auch 2 Umgebinde aus. Dann schlossen sich der Hausflur und rechts davon noch eine kleine Räumlichkeit an. Über mangelnde Schülerzahlen konnte man damals aber nicht klagen. Zwischen 7 und 15 (!) Kinder wurden um 1800 jährlich allein im Niederdorf geboren, wie aus Aufzeichnungen (s. Gemeinbuch ab 1792) hervorgeht. Das ergab auf die 8 Schuljahre etwa 60 Kinder, die -in zwei Klassen zu je etwa 30 eingeteilt - zu unterrichten waren. Im Oberdorf muss es ähnlich gewesen sein.

Wie finanzierte sich nun die Schule? Nehmen wir die Zeit um 1840 im Niederdorf. Zunächst wurde wöchentlich pro Kind 9 Pfennig Schulgeld erhoben, später 1 Neugroschen. Das ergab (bei 64 bis 69 Kindern!) über 106 Taler im Jahr. Dazu wurde jährlich eine Umlage erhoben: die Hufe (das Bauerngut) 15 Groschen, der Häusler 1 Groschen 3 Pfennige (insgesamt 15 Hufen und 41 Häusler). Hinzu kamen noch 2 “Elfhufengüter” die kurioserweise nach Bernstadt gehörten, und 3 Feldschönauer Häusler. Weiter musste für jede Kindtaufe 1 Groschen (bei entsprechender Vermögenslage aber ein Mehrfaches) gezahlt werden. Das traf auch bei Hochzeiten und Grundstücksverkäufen zu. Manchmal ,,vermachte” ein Einwohner der Schule auch etwas Geld. Alles kam in die Schulkasse. Über diese wachte ein Schulkassenverwalter, eine gewählte Vertrauensperson, meist aus dem Gemeinderat. Es sammelte sich ein gewisses Kapital an. 45 Taler davon wurden ausgeliehen. Sie brachten nämlich 1 Taler und 20 Groschen Zinsen im Jahr.

Erwähnt wird auch ein Schulbote. Ihm oblag möglicherweise das Einsammeln des Schulgeldes. Die Geschicke der Schule lenkte der Schulvorstand. Aufsicht führte der Pfarrer. Aus der Schulkasse waren die sächlichen Ausgaben zu bezahlen: die Grundsteuer (Wurzelgeld), Instandhaltungen und Renovierungen, Ofen ausräumen, Papier und Formulare, manchmal aber auch das Schulgeld für bedürftige Kinder.

An Lehrmitteln wurden Wandtafeln, eine Lesemaschine und kalligraphische Blätter (Schriftvorlagen) erwähnt. Ein großer Ausgebeposten, mit über 8 Talern, war die jährliche Brennholzbeschaffung für die Beheizung der Schule. Der Lehrer erhielt (nach 1800) im Jahre 120 Taler Gehalt. Er bewohnte die oberen Räume des Schulhauses, war auch für die Beheizung und Sauberhaltung des Schulzimmers verantwortlich. Meist war er auch Schreiber bei der Gemeinde oder den örtlichen Gericht, wo er - je nach Arbeitsanfall - eine zusätzliche Vergütung von etwa 4 Talern bekam. So ähnlich war es auch im Oberdorf. In den 60er Jahren machte sich Lehrermangel bemerkbar. So hatte man schließlich 1869 nur noch einen Lehrer für beide Schulen zur Verfügung. Er unterrichtete ab September auf Beschluss des Gemeinderates täglich wechselnd im Ober- und Niederdorf. Abhilfe wurde 1871 mit der Einrichtung der Gemeinschaftsschule geschaffen

Wilfried Ay