Die Landwirtschaft

Die Anfänge der Landwirtschaft im Gauletal

Die im 6. Jahrhundert in unser Tal eingewanderten slawischen Familien waren keine Jäger und Sammler mehr, sondern wurden sesshaft und begannen Viehhaltung und Ackerbau zu betreiben. Wenn auch das später als Slawisch-Kezelingistorf bezeichnete Niederkiesdorf - wie auch das Oberdorf - keine slawische Dorfanlage erkennen lassen, muss es doch einzelne Siedlungsplätze gegeben haben, sicher günstige Stellen nutzend, die die Errichtung von Unterkünften und das Anlegen kleiner Feldflächen gestatteten.

Die strohgedeckten Behausungen hatten wohl Balkenwände oder Wände aus Flechtwerk, schon mit Lehm ausgestrichen. Ganz primitiv muss hier der Boden bearbeitet worden sein, wahrscheinlich noch ohne Pflug. Geerntet wurde mit einer Sichel. Bestimmt aber wurden schon Schweine gehalten. Eine große Rolle dürfte jedoch noch die Jagd gespielt haben.

Das Lehngut

Um 1200 sind die ersten deutschen Kolonisten hier eingetroffen. Dieser Platz, sich anlehnend an einen flachen Berg, könnte der erste Stützpunkt, der erste Siedelpunkt im Oberdorf gewesen sein. Er wurde Herrschaftssitz. Das entstehende Gehöft ist eines der ältesten Bauerngüter in Kiesdorf. Bis in die heutige Zeit hat sich die Bezeichnung "der Hof" im Sprachgebrauch erhalten.

Mit der Einführung von Hausnummern in Kiesdorf bekam der Hof die Nummer 1. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wird der Hof als Allodium, das bedeutet Erblehngut, bezeichnet. Es besteht aus 4 Hufen. Als Besitzer ist Folczo erwähnt, er habe 2 Hufen. Weiter sind Hencil Kluge und Nickil Gumprecht genannt. Sie haben ebenfalls zwei Hufen. Zinspflichtig an das Kloster, wie die anderen Bauern, sind sie nicht. Aber es ist festgelegt, dass sie jährlich an einen Dominus Ullmannus zu Walpurgis (30. April) und zu Michaelis (29. September), das waren die Zinstermine, je 40 Groschen zuzahlen haben. Herr Ullmannus war wohl ein Geistlicher, der dem Kloster nahe stand.

Im Verlauf der Zeit wurde das Anwesen zu einem respektablen Vierseithof ausgebaut. Es gab große Ställe, Scheunen und andere Wirtschaftsgebäude, auch einige Wohnungen. Das Gebäude zur Dorfstraße hin war der Herrschaft vorbehalten. Im Erdgeschoss des Südflügels lagen Amtsräume mit dem Kretscham. Hier fungierte anfänglich der Schulze, später der Ortsrichter. Es bestand eine Schankgenehmigung. 1839 wurde hier unter Aufsicht der Klosterherrschaft der erste Kiesdorfer Gemeinderat gewählt. Schließlich endete die Klosterherrschaft und das ganze Objekt wurde 1852 an einen Landwirt mit Namen Zestermann verkauft.

Bis 1945 wurden insgesamt 10 Besitzer gezählt. Der letzte hieß Karl Luis Krause. Der mit 116 ha größte landwirtschaftliche Betrieb in Kiesdorf beschäftigte zahlreiche ständige und zeitweilige Arbeitskräfte, meist aus Kiesdorf. Es wurden Scholare (Landwirtschaftsschüler, spätere Verwalter) ausgebildet. 1897 erhielt das Gebäude einen Turm mit einer Uhr, die zur Hofseite zeigte und ein Halbstundenschlagwerk hatte. Die Uhr musste täglich aufgezogen werden. Dies oblag dem jeweiligen Stubenmädchen der Herrschaft, zuletzt Frl. Liddy Starke. Die Uhr hat das Kriegsende überdauert.

Bauern in Teutonisch-Kezelingistorf

Um 1350, etwa 100 Jahre nach Gründung des Klosters, hatte sich der Besitz im Großen und Ganzen zusammengefügt, geordnet und die Liegenschaften waren sorgfältig aufgeschrieben worden. Vor allem ging es um die Größe der Besitzungen, seine Besitzer und die zu entrichtenden Abgaben. So erfahren wir aus dem Zinsregister die Namen der etwa um 1370 in Kiesdorf ansässigen Bauern und Müller.

Die heutigen Flurkarten lassen ziemlich deutlich die damals angelegten Hufen erkennen. So wäre denkbar, dass auf dem Landstreifen, der sich Gaule aufwärts an das Allodium anschließt mit 1,5 Hufen Hencil Hildebrant (0,5 Hufe) und Nickil Hildebrant (1 Hufe) gesessen haben (heute Dorfstraße 21). Nickil Aluschen mit einem Besitz von 1,5 Hufen könnte als nächster ansässig gewesen sein (Dorfstraße 17). Hannos Lubener mit 1,5 Hufen war möglicher Nachbar (Dorfstraße 15). Opecz Windissches Besitz von 8 Ruthen reihte sich daran und Heyne Jopensmeyt mit 0,5 Hufe schloss sich an (Dorfstraße 11). Pecz Kirstan mit 0,5 Hufe könnte der nächste gewesen sein(Dorfstraße 6). Nickil Cristan mit 1 Hufe wäre anschließend denkbar(Dorfstraße 3). Hannos Rencz mit 10 Ruthen, Nickil Scultetus mit 15 Ruthen und Nickil Sutor mit 2 Ruthen waren möglicherweise die nächsten Nachbarn (Dorfstraße 2). Dem Namen Sutor kommt der Begriff Schmied zu.

Jenseits der Ostritzer Straße, die mit hoher Wahrscheinlichkeit damals als Weg schon vorhanden gewesen ist, schlossen sich Nickil Nuczen und Fricze Nuczen mit einer halben bzw. einer Hufe an (Dorfstraße 1). Nicolaus Ebirwyn mit 1,5 Hufen und 9 Ruthen könnten wir dem Landstreifen bis zur Dittersbacher Grenze zuordnen (Obere Straße 1). Kune Tismolner gehörte die einzige Mühle im Oberdorf. So sind alle damals in Teutonisch Kezelingistorf ansässigen Bauern und der Müller mutmaßlich landmäßig eingeordnet. Aus dieser ursprünglichen Einteilung hat sich dann in einem langen Prozess durch Teilung oder auch Zusammenlegung von Grund- und Flurstücken die heutige Struktur ergeben.

Die Niederkiesdorfer Freihufe

Heyno Scultetus habet unum mansum liberum. Diese Feststellung aus dem Zinsregister nennt uns einen Bauern Heyno. Er trägt den Beinamen Scultetus. So wurden die Vorsteher der Dorfgemeinde bezeichnet. Er musste z.B. die Abgaben der Zinspflichtigen an den Grundherren einnehmen. Selbst aber hatte er eine Freihufe (mansum liberum) und brauchte dafür keine Abgabe an den Grundherrn zu zahlen. Diese Freihufe muss dem Gut Obere Straße 30 (ehemals Türmel- Kretschmer) zugeordnet werden.

In der örtlichen Verwaltungsstruktur war wohl dieses Gut das älteste Verwaltungszentrum mit einem Kretscham in Slawisch-Kezelingistorf (Niederkiesdorf). Aus anderen Feststellungen heraus lässt sich dieses Gut aber auch als eines der Bernstädter Eilfhufengüter einordnen, ohne dass sich jedoch im Zinsregister Hinweise zu dem Kiesdorfer Standort finden. Das trifft auch für das andere Kiesdorfer Eilfhufengut zu.

Die Eilfhufengüter

Zwei der alten Niederkiesdorfer Bauerngüter werden als Eilfhufengüter bezeichnet. Dieser merkwürdige Begriff kommt aus Bernstadt. Dort sind sie auch im Zinsregister des Klosters Marienstern verzeichnet. Ursprünglich haben alle Güter zu Bernhardisdorf, dem späteren Altbernsdorf, gehört.

Bei der Gründung Bernstadts, das aus dem oberen Teil von Bernhardisdorf gebildet wurde, bleiben die Güter übrig. Sie passten nicht in das Stadtwesen. Dieses hatte ja ein anderes Abgabensystem. Die Güter, insgesamt sollen es 14 mit einer Fläche von 11 Hufen gewesen sein, wurden aber weiter in Bernstadt gezählt. Die Gründung Bernstadts wird mit 1234 angegeben.Die beiden Kiesdorfer Güter waren über die Hutbergstraße, die heute nicht mehr vorhanden ist, direkt mit Bernstadt verbunden. Eines der beiden Güter war das schon erwähnte Kretscham Gut. Es besaß um 1700 noch keine Kiesdorfer Brandkatasternummer.

Das andere Eilfhufengut lag zwischen der Oberen Straße und der Gaule, etwa dort, wo die Dorfstraße in die Obere Straße einmündet. Es brannte am 17. Juni 1858 ab. Damaliger Besitzer war Ernst Tempel. Es wurde an anderer Stelle aufgebaut, zuletzt bekannt als das Kappler-Gut. Davon existiert heute nur noch eine Scheune und ist durch die Pleißnitzverlegung gewissermaßen von Kiesdorf abgeschnitten worden.

Weitere Bauern in Slawisch-Kezelingistorf

Auch ein dem abgebrannten Eilfhufengut benachbartes Gehöft brannte am gleichen Tage mit ab und wurde ebenfalls an anderer Stelle wiederaufgebaut: Heute ist es das Gut von Erich Ritter / Reiner Kirsche (Obere Straße 33) Im Zinsregister des Klosters ist der Name Heyno Scultetus nochmal aufgeführt in Zusammenhang mit einer zinspflichtigen Besitzung von 9 Ruthen. Und weiter erscheint ein Nickil Scultetus mit einer zinspflichtigen halben Hufe. War er anfänglich der Besitzer des zweiten Eilfhufengutes? Es lässt sich heute nicht mehr belegen.

Nun zu den anderen Niederkiesdorfer Bauern um etwa 1350. Dreimal ist der Name Libingi vertreten mit 0,5 Hufe, 8 und 4 Ruthen. Die Flächen haben vermutlich am Berghang gelegen. Ein anderer ist Cunco Alden mit einer halben Hufe, gelegen etwa Auengrund Nr. 1. Und weiter finden wir Cunat Thomas, 0,5 Hufe, Hencil Thomas, 8 Ruthen und noch einmal 8 Ruthen, Sigfrid Thomas, 9 Ruthen. Sie könnten dem Auengrund 5 zugeordnet werden. Und weiter nacheinander folgen Heyne Elkener mit 14 und 3 Ruthen, vermutlich Auengrund 6, Heyne Rothe mit einer halben Hufe, etwa Auengrund 7. Es folgt Nickil Dipold mit einer halben Hufe. Sie lag wahrscheinlich dort, wo der Auengrund in die Dorfstraße einmündet. Danach könnten Cunco Troger 0,5 Hufe und 9 und 3 Ruthen und Cunco Troger mit einer halben Hufe gelegen haben, heute etwa Dorfstraße 82 und 83.Und weiter nacheinander könnten folgen Cunco Lange, 1 Hufe, etwa heute Dorfstraße 91. Heyno Scultetus mit 9 Ruthen und Nickil Scultetus mit einer halben Hufe im Bereich Dorfstraße 98 Wernherus Matey, 1 Hufe, vermutlich Dorfstraße 100. Es folgen die Freihufe des Heyno Scultetus, Obere Straße 30 und Elisabc in fine mit einer halben Hufe. Die Flurstücke erstreckten sich bis an die Leubaer Grenze, etwa dort, wo heute eine Betonstraße entlang führt. Noch zu erwähnen sind die genannten Müller: 1. Nickil Molner. Es ist kein Besitz genannt, er zahlte nur 4 Groschen Zins. 2. Kune Tysmolner. Er besaß Acker und zahlte 17 Groschen. Das war vermutlich die spätere Jäckel-Mühle. Und schließlich müssen noch zwei damals Ansässige erwähnt werden: Hencil Hubener und Marusch. Beide haben den Namenszusatz "de orto" (= im Garten, oder im Osten). Es ist kein Besitz ausgewiesen. Beide mussten aber jährlich je zwei Groschen Zins zahlen. Vom Namen her könnten die Libingi, Elisabc in fine, Marusch und Nickil Molner Slawen gewesen sein. Alle anderen dürften aber von den deutschen Siedlern abstammen.