Entstehung von Kiesdorf

Die Anlage des Ortes

In Anbetracht der Tatsache, dass das Gebiet des Gaule- und Pließnitztales den damaligen Familien von Kamenz, den mit ihnen verschwägerten von Schönburg sowie den Familien von Baruth gehörte, ist eine gewisse Verflechtung der Vorgänge nicht ganz auszuschließen. Es drängt sich der Gedanke auf, die Anlage Kiesdorfs in Verbindung mit Bernhardisdorf (Altbernsdorf und Bernstadt) zu bringen. Dafür sprechen die beiden Kiesdorfer Eilfhufengüter, die einst zu Bernstadt zählten, sowie die Anlage des Oberkiesdorfer Allodiums (Lehngut), welches mit einem Teil seiner Fläche in die Altbernsdorfer Flur hineinragt.

Vielleicht führten erst die späteren Lehn- und Besitzverhältnisse zu einem Kiesdorf, von der Entstehung und Anlage her aber gab es anfangs 2 getrennte Siedlungen, die zwischen sich das natürliche, von der Gaule und einem kleinen Bach durchflossene Hindernis Schulberg-Grund-Sumpfgebiet hatten. So könnte damals ein Siedlerzug am Hutberge vorbei nach Bernhardisdorf (über die ehemalige Hutbergstraße)gegangen sein, erste Ansiedlungen in Form der beiden späteren Eilfhufengüter in Niederkiesdorf schaffend, von denen eines als Freihufe das Niederkiesdorfer Zentrum bildete und von hier aus die Besiedlung des Niederdorfes einleitete.

Etwa 20 Familien dürften sich damals eingefunden haben, um im anmutigen Gauletal zu siedeln. Es gab aber auch bestimmte andere Grenzen zu betrachten. So verlief bereits ein Weg in einem geringen Abstand etwa parallel zur Gaule, offensichtlich aus slawischer Zeit stammend und nun dem obersten Landesherren gehörend. An ihm konnte man die Hufen beginnen lassen. Andererseits endeten an diesem Weg die Hufen der Schönauer und Altbernsdorfer. Nach Osten hin dürfte sich schon die Leubaer und Ostritzer Flur abgezeichnet haben. Am Oberdorf der Gaule war wohl die Besiedlung unter einem Anführer Dietrich im Gange.

So reihte man Hufe an Hufe entlang der Gaule aneinander, im Oberlauf, wie im Niederdorf. Die Gaule bildete eine Lebensader. Sie war in der Lage, Mühlenräder anzutreiben. Ein Dorf ohne Mühle - undenkbar!

Die Gründer des Ortes

Den, der die Siedler hierher holte, dürfen wir als den Ortsgründer (Locator) ansehen. Er wird als Kiesling bezeichnet, damals Kezeling. Und so kam die Siedlung zu ihrem Namen: Kezelingistorf. Nun könnte es sein, dass jener Kezeling ein Mitglied der einst aus Mellrichstadt gekommenen Familie von Vechta war, die den Beinamen "Chiselinge de Camenze" trug. Dies könnte auf die Familie "von Kamenz" hindeuten, die zur Zeit unserer Ortgründung durch 3 Brüder repräsentiert wurde. Einer davon war Bernhard III von Kamenz, der 1248 das Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern gründete. Und fest steht, dass die Herrn von Kamenz vom Meißner Bischof mit Kiesdorf belehnt waren. Nicht fest steht dagegen ein Gründungsjahr unseres Ortes. Es muss aber um 1200 liegen.

Der Eigensche Kreis entsteht

Um 1200 sind auch unsere Nachbarorte entstanden. Es gab außer den Herren von Kamenz noch die adligen Familien von Schönburg und von Baruth. Sie waren ebenfalls mit ganzen oder auch halben Dörfern belehnt worden.

Nun soll eines Tages aber der Bischof von Meißen den adligen Herren aus welchen Gründen auch immer ihre Lehen als Erb- und Eigentum geschenkt haben. Das muss in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts geschehen sein. Fortan bezeichneten diese Herren ihre Besitzungen als Eigentum. Die Dörfer lagen dicht beieinander. Sie bildeten das "Eigen", woraus schließlich der "Eigensche Kreis" wurde. Das Eigentum räumte den adligen Herren das Recht über den weiteren Umgang mit ihren Besitzungen ein.

Die Ersterwähnung Kiesdorfs

Nachweisbar ist Kiesdorf in einer Urkunde des Klosters St. Marienstern. Es liegt uns die Ablichtung einer Abschrift der Urkunde vor. Sie wurde uns vom Klosterarchiv übergeben. Es ist nicht die Stiftungsurkunde des Klosters, sondern ein Schriftstück aus dem Jahre 1264, angefertigt am 17. März. Dieses Schriftstück ist registriert unter der Nummer 7 im Klosterarchive und beinhaltet Angaben über Besitzungen des Klosters, so in Schönau. Und uns betreffend: Im Dorfe, welches Kysilingisdorf genannt wird, 20 Hufen und Liegenschaften und eine Mühle sowie bei dem Ort gelegenen Wald.

Ober- und Niederkiesdorf

Das Dorf war zweigeteilt, und bald wurden auch zwei Namen benutzt: Teutonisch - Kezelingistorf und Slawisch - Kezelingistorf. Wobei der erste Name als Deutsch-Kiesdorf für Oberkiesdorf und der zweite für Niederkiesdorf stehen muss. Nachzuweisen sind die Bezeichnungen im Zinsregister des Klosters Marienstern, von dem noch die Rede sein wird. Bei der Ankunft der deutschen Siedler war das Vorhandensein einer slawischen Restbevölkerung nicht auszuschließen, aber auch nicht eindeutig nachzuweisen. Ein von Slawen angelegtes Dorf in Form eines Rundlings ist in Niederkiesdorf nicht erkennbar. Die im Zinsregister aufgeführten Namen der Bauern könnten in einigen Fällen aber durchaus slawischen Ursprunges sein.

Im 15. Jahrhundert waren nur noch Ober- und Niederkiesdorf als Ortsbezeichnungen gebräuchlich.

Die Betrachtung der Flurkarte des Niederdorfes (Slawisch-Kezelingistorf) zeigt deutlich die Hufeneinteilung, wie sie wohl bei der Besiedlung vorgenommen worden ist. Es lassen sich 13 Landstreifen erkennen. Es gelingt sogar weitgehend eine Zuordnung der im Zinsregister aufgeführten Zinspflichtigen. Es tauchen 17 Namen auf. Fünf davon scheinen slawischen Ursprunges zu sein. So ist eine "Elisabczin fine" aufgeführt. Ihre halbe Hufe könnte "am Ende, an der Grenze" gelegen haben. Es bietet sich die Lage zur Tauchritzer Grenze an. Gaule aufwärts reihen sich nun die Landstreifen aneinander für die einzelnen Familien in der Größe von 17 Ruten bis zu einer ganzen Hufe. Zwei Besitzer tragen den Beinamen "de orto", das könnte "im Garten oder im Osten" bedeuten. Bei ihnen ist keine große Fläche ausgewiesen. Sie zahlten nur einen ganz geringen Zins.

Einer - Marusch - dürfte ein Slawe gewesen sein. Ein Müller trägt den Namen "Tysmolner". War er der deutsche Müller? Dann stoßen wir auf Nickil Molner. Nickil könnte ein Slawe gewesen sein. Seine Mühle war möglicherweise die spätere (jetzige) Jäckelmühle. Und damit sind wir am oberen Ende des Niederdorfes angelangt. Hier treffen wir auf einen Landstreifen mit 2 Besitzern, mit einer halben Hufe sowie 8 und 4 Ruten. Sie nennen sich "Libingi", mit Vornamen Henczil und Nickil. Die Libingi (Lybingi) könnten Freigelassene bedeuten. Waren sie ehemals slawische Unfreie? Und sie hatten nun hier Besitz erhalten. Mit ihnen und der Mühle ergibt sich eine gewisse Häufung von slawischen Besitzern. Könnte sich daraus die Bezeichnung "Slawisch-Kezelingistorf" herleiten lassen? Vielleicht ist nicht alles Spekulation.

Die Verwaltungsstruktur

Zunächst hatten sowohl Nieder- als auch Oberkiesdorf ihre Dorfschulzen. Ihr Amtssitz wurde als Kretscham bezeichnet. Der Oberkiesdorfer Kretscham befand sich im Allodium (Lehngut), der Niederkiesdorfer in dem schon erwähnten Eilfhufengut, später Türmel-Kretschmer genannt. Als schließlich 1285 beide Orte von ihrem Eigentümer vollständig an das Kloster verkauft waren, hat wohl allmählich die Klosterherrschaft das Oberkiesdorfer Allodium als Vorwerk angesehen und ausgebaut.

Ab etwa dem 15. Jahrhundert residierte nun hier ein Vertreter der Klosterherrschaft, als Ortsrichter. Er war für beide Kiesdörfer zuständig. Sein Sitz im Allodium wurde weiterhin als Kretscham bezeichnet. Jedes der beiden Teildörfer hatte nun einen Gemeindeältesten. Ihm zur Seite standen 3 Gerichtspersonen, im Sprachgebrauch einfach "Gerichte" genannt. Der Niederkiesdorfer Kretscham verlor seine Bedeutung. Es entwickelte sich in beiden Dorfgemeinden ein getrenntes Rechnungswesen. So mussten jährlich die Gemeindeältesten vor dem Dorfrichter im Kretscham zur Abrechnung erscheinen. Das ging nicht trocken ab. Das Niederkiesdorfer Gemeinbuch von 1792 weist über lange Zeiträume aus, was bei so einem Abrechnungstermin vertrunken wurde.

Klosterherrschaft

Im Jahre 1248 gründeten die Herren von Kamenz, in deren Besitz sich Kiesdorf befand, das Kloster St. Marienstern (bei Kamenz). Als Klostergründer gilt insbesondere Bernhard III als einer von drei Brüdern. Das Kloster mit seinen Gebäuden wurde errichtet. Es brauchte eine wirtschaftliche Grundlage, die sich allmählich durch Schenkungen oder Zukäufe vergrößerte. So verkauften schließlich die Herren des Eigenschen Kreises ihre Dörfer an das Kloster. Für Kiesdorf war dieser Vorgang 1285 abgeschlossen. Von da an hatte unser Ort einen geistlichen Grundherrn, genauer gesagt eine Grundherrin, nämlich die jeweilige Äbtissin des Klosters St. Marienstern, was für die Kiesdorfer Bauern durchaus keine negative Bedeutung gehabt hat. Dieser Zustand dauerte bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Das Zinsregister des Klosters St. Marienstern

Es gibt eine Übersicht über die Besitzungen des Klosters, seine Untertanen und über eine Reihe von Vorgängen. Seine Entstehung wird in die Jahre um 1376 datiert. Seit 1951 liegt das Zinsregister gedruckt vor. In der Übersicht erscheint auf Seite 37 Teutonisch-Kezelingistorf. Es sind die Namen der damals in Oberkiesdorf ansässigen Bauernfamilien aufgeführt, die Größe ihre Besitzes sowie Art und Umfang der Abgaben mit den Zinsterminen. Auf Seite 36 finden wir die Angaben über Slavisch-Kezelingistorf.

Die Kirchenzugehörigkeit

Die Zweiteilung Kiesdorfs hatte weitere Folgen. Zunächst gehörten die Siedlungen im Gaule- und Pleißnitztal zum Kirchenbezirk Jauernick. Bald aber bildeten sich neue Kirchspiele. So errichteten die Schönauer (Ersterwähnung 1296) und die aus Bernhardisdorf hervorgegangene Stadt Bernstadt etwa 1250 sowie Dittersbach 1270 oder 1280 eigene Kirchen. Struktur, Lage und Einwohnerzahl Kiesdorfs rechtfertigten wohl nicht die Schaffung eines eigenen Kirchenbezirkes.

So wurde Niederkiesdorf nach Schönau, Oberkiesdorf aber nach Bernstadt eingepfarrt, was doch wohl entfernungsmäßig verwunderlich erscheinen mag. Niederkiesdorf war mit Schönau durch den Kirchweg verbunden und mit Bernstadt gab es auch eine Verbindung, was im Sommer keinerlei Probleme bereitet habe dürfte.

Nach der Reformation entwickelte sich das Schulwesen von der Kirche aus im engsten Zusammenhang mit ihr. So ergab sich die Schule für die Niederkiesdorfer Kinder in Schönau und für die Oberkiesdorfer Kinder in Bernstadt. Die Kiesdorfer mussten für die Lehrer und den Erhalt der Gebäude mit aufkommen.

Feldschönau

In Niederkiesdorf reihen sich an zwei Stellen entlang der Oberen Straße (jetzt K 86), des schon beschriebenen Grenzweges, einige Grundstücke aneinander. Sie liegen auf Schönauer Flur.

Auf alten Landkarten bis ins 20. Jahrhundert hinein wird diese Ansiedlung von wenigen Häusern Feldschönau genannt. Erstmals waren es 4 Häuser bzw. kleine Wirtschaften. Im Rahmen des Neubauernprogrammes wurden etwa 1950 mehr auf Berzdorf zu gelegen, 2 Neubauernstellen errichtet (Ammich und Maifeld), die aber infolge der Erweiterung des Braunkohletagebaus (Pleißnitzverlegung) nach etwa 15 Jahren wieder verschwanden. 1974 kam ein Zwölffamilienhaus hinzu, errichtet von der damaligen Energieversorgung (VEB Verbundnetz Elektroenergie) und schließlich zu einem Drittel genutzt von der LPG. Zu dieser Zeit war aber der Name Feldschönau schon nicht mehr aktuell.

Schon seit Jahrzehnten hatten sich die Familien im täglichen Leben mehr mit Kiesdorf verbunden als mit Schönau. Laut einer Einigung der Gemeindevertretungen von Kiesdorf und Schönau wurden die Familien ab den 50ger Jahren zu Kiesdorf gezählt, ohne dass aber grundbuchmäßig etwas verändert wurde.