Gedanken zum 115. Gründungsjubiläum der Freiwilligen Feuerwehr Kiesdorf a. d. E.

 

Liebe Kameradinnen und Kameraden,

"Feuer und Wasser sind gute Knechte, aber schlechte Herren" - so lautet ein altes Sprichwort, aber seine Botschaft ist seit Jahrhunderten aktuell. Die historischen Überlieferungen auch unseres Ortes sind durchzogen von unzähligen Nachrichten über Brandunglücke und Hochwasserkatastrophen.

Heute feiern wir das 115. Jubiläum der Gründung unserer Freiwilligen Feuerwehr Kiesdorf. Doch genauer betrachtet ist das nur die halbe Wahrheit.  Der organisierte Brandschutz in unserer Gemeinde ist wesentlich älter. Bereits 1792, so kann man es im ältesten erhaltenen Gemeindebuch für Niederkiesdorf nachlesen, wird die Untersuchung einer Feuerspritze protokolliert. Da heißt es: "Bei Probierung der Feuerspritze, ob selbige gangbar, den Leuten, so über die Spritze gesetzt sind, bezahlt 8 Groschen und für Öl zum Einschmieren bezahlt 2 Groschen." Zwei Jahre später sind für denselben Vorgang sogar die Ausgaben für Bier und Brandwein festgehalten worden. Sie überstiegen, wie man sich leicht vorstellen kann, die Kosten für das Baumöl um ein Vielfaches. Zum Spritzendienst waren seinerzeit alle erwachsenen Männer verpflichtet. Die Spanndienste, die für die Beförderung des Löschgerätes zum Brandobjekt nötig waren, wurden unter den größeren Bauern aufgeteilt, wobei die Dienstzeiten klar festgelegt waren. Weiterhin wurden sogenannte Spritzenmeister bestimmt, denn schon damals kam man nicht ohne Personen aus, die im Ernstfall das Sagen hatten. Diese bewährte Regelung hatte Bestand, bis sich im Jahr 1898 das Blatt zu wenden begann.

Im Herbst jenes Jahres herrschte sehr viel Unruhe in der Gemeinde. In der Zeit vom 10. August bis Ende November brannten fünf Bauerngüter in Oberkiesdorf und Dittersbach ganz oder teilweise nieder. Als Ursache dafür wurde Brandstiftung angesehen. Am 10. August brannte es auf dem Hof von Wilhelm Hanspach in Oberkiesdorf und kurze Zeit später bei Robert Kramer in Dittersbach. Durch ungünstigen Wind griffen die Flammen auf das benachbarte Gehöft von Gustav Meusel über. Sämtliche Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden vernichtet. Der nächste Brand ereignete sich bei Karl Fünfstück in Oberkiesdorf. Nun wurden immer mehr Stimmen laut, die die Gründung einer Feuerwehr anregten. Durch gute Organisation und Ausbildung einer freiwilligen Gruppe sollte die Effizienz der Brandbekämpfung deutlich erhöht werden. Noch im November 1898 wurde das Vorhaben bei der Amtshauptmannschaft Löbau zur Genehmigung eingereicht, jedoch aus ungenannten Gründen abgelehnt. Bereits einige Tage nachdem das bekannt wurde brannte mitten in der Nacht die Scheune auf dem Gut von Wilhelm Geißler. Es herrschte starker Sturm, sodass durch Funkenflug vier umliegende Gehöfte gefährdet wurden. Es gelang aber, den Schaden auf Geißlers Scheune zu beschränken. Zum Schutz vor weiteren Unglücken wurden in den nachfolgenden Wochen die nächtlichen Brandwachen deutlich verstärkt. Trotz allem wurde das Vorhaben, eine Feuerwehr ins Leben zu rufen, nicht aus den Augen verloren.

Im Februar 1899 trafen sich viele Oberkiesdorfer Bürger im "Ziegelhof" um, wenn auch bis dahin noch ohne behördliche Zulassung, die Freiwillige Feuerwehr Oberkiesdorf zu gründen. Endlich, am 22. April, erhielt man dazu auch die Genehmigung der Amtshauptmannschaft. Ich möchte an dieser Stelle das Gründungsprotokoll verlesen:

"I. Versammlung der Feuerwehr zu Kiesdorf

Eröffnet wird die Versammlung durch den Vorsitzenden, Herrn von Kyaw. Hiernach wurden die Statuten den Beteiligten zur Begutachtung vorgelegt und danach die verpflichtete und freiwillige Mannschaft gezählt und es befinden sich 35 Mitglieder in der Feuerwehr.

Der erste Punkt der Tagesordnung ist damit erledigt und es wird zum zweiten Punkt übergeschritten. Hier wird die Frage gestellt, wer sich freiwillig zum Steigerdienst melden will: Es melden sich: Ernst Loitsch, Wilhelm Weißbach, August Richter, Wilhelm Freund, Wilhelm Mittschke, Hermann Kretschmer und Gustav Kretschmer, Ernst Raimann, Herrmann Exner, Alwin Ziesche, Emil Dehner, Paul Schütze, Hermann und Oswald Hanspach.

Zum Signalisten werden die Herren Wilhelm Maucke und Herrmann Neugebauer vorgeschlagen und haben die Wahl angenommen. Als Stimmenzähler werden gewählt: Wilhelm Geißler und Eduard Prescher.

Zum Hauptmann der Feuerwehr wird Herr von Kyaw mi 28 Stimmen gewählt Als Spritzenzugführer wird mit 26 Stimmen Julius Fünfstück, zum Steigerzugführer mit 20 Stimmen Herr Gustav Kretschmer gewählt. (…)

Das Wesen des Sanitäters hat Herr Ernst Richter übernommen. Derselbe gibt unentgeltlich  den Platz zum Steigerturm auf 15 Jahre für sich und seine Nachfolger.

Die Sammlung von freiwilligen Geldern hat Herr Ernst Loitsch und Herr Gustav Kretschmer übernommen.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben,

Hauptmann Georg v. Kyaw, Schriftführer Oswald Hanspach“

Seit der Gründung unserer Wehr hat sich vieles verändert. Anfangs beschränkte sich die Feuerwehr zunächst allein auf Oberkiesdorf. In Niederkiesdorf bestand die Pflichtfeuerwehr nach bewährtem Muster weiter. Der Zusammenschluss erfolgte erst 1921 mit der Bildung eines zweiten Spritzenzuges.

Viele Kameraden haben in den vergangenen 115 Jahren Ihren Dienst in unterschiedlichen Funktionen versehen. Jeder einzelne hat so seinen Beitrag zum vorbeugenden und aktiven Brandschutz und damit zum Wohl der Allgemeinheit geleistet – Grund genug, dankbar an das Geleistete zu erinnern.

Im Tafellied zum 5. Stiftungsfest der Feuerwehr Kiesdorf heißt es:

"Dem Herrn zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr,
sei unsere Losung immer,
wir halten an den Worten fest
und wanken nie und nimmer.

Erhebt euch, wack`re Wehrmannsleut,
beim heutgen frohen Feste,
ruft freudig, dass es jeder hört:
Kameraden prost und Gäste!"

In diesem Sinne: Gut Schlauch!

Kiesdorf, den 04.04.2014

Marcus Steudtner, HFM