Sessionen

Als die Sitzungen in der Gemeinde noch Sessionen genannt wurden

Diese Zeit liegt mehr als 160 Jahre zurück. Es ging damals um die Wahl von Gemeinderäten. Dazu bedurfte es einiger Voraussetzungen. Ereignet hatte sich 1789 die französische Revolution. Napoleon hatte ihre Ideen hierher mitgebracht.

Das Kurfürstentum Sachsen kam in seine Gefolgschaft und wurde dafür 1806 zum Königreich erhoben. Es gab sich eine Verfassung. Der Freiherr vom Stein (Preußen) regte 1808 in deutschen Landen Reformen an.

Eine davon war die Aufhebung der Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit. Schließlich wurde 1839 in Sachsen eine Landgemeindeordnung erlassen. Die Kiesdorfer waren seit Jahrhunderten Untertanen des Klosters St. Marienstern bei Kamenz. Es gab zwar schon Gemeindeälteste und örtliche Gerichtspersonen, einfach Gerichte genannt. Letzte Entscheidungen traf aber immer die ,,ehrwürdige Domina, die gnädige Frau Äbtissin”. Vertreten wurde sie hierdurch einen Amtmann in Bernstadt (Kunnersdorf). Die Lösung von der Klosterherrschaft dauerte etwa vier Jahrzehnte.

Kiesdorf wies eine Besonderheit auf. Es teilte sich in Oberkiesdorf und Niederkiesdorf und war räumlich sichtbar voneinander getrennt. Es gab zwar eine einheitliche Katastrierung, aber eine Kirchgemeinde wurde Kiesdorf nicht. Das Niederdorf gehörte kirchlich zu Schönau, das Oberdorf damals zu Bernstadt. So entwickelte sich auch das Schulwesen für beide Teile getrennt. Ebenso führte jeder Teil getrennte Rechnungen.

Seit der Wende 1989 sind uns die alten Gemeindeakten -soweit vorhanden- wieder zugänglich. Darunter befindet sich auch ein Brand-Versicherungs-Kataster aus dem Jahre 1824, fußend auf Verhältnissen von 1784. Die Nummerierung beginnt auf dem herrschaftlichen Vorwerk, dem Lehngut, mit der Nummer 1, bewegt sich linksseitig ins Oberdorf und kommt auf der anderen Seite wieder herunter. Sie endete mit der 50 bei der ehemaligen Ziesche-Schmiede und setzte sich fort mit der 51, Schönfelders Gut, und ging dann hinunter zur Jäckel-Mühle, den Hang hinauf und kam nach weitem Bogen schließlich mit der 107 beim ehemaligen Zimmermannschen Gut an. Das ist schon eigenartig Wie kam eigentlich vor sehr langer Zeit ein Fuhrwerk von Ober- nach Niederkiesdorf? Musste etwa der Fuhrmann durch das Lehngut um den Grund herum bei Schönfelders Gut vorbei hinunter in Richtung Mühle fahren, weil damals die Gaule, insbesondere der steile Hang im Oberdorf, unüberwindliche Hindernisse darstellten? Es gibt schon noch Rätsel zu lösen.

Am 9. April 1839 aber versammelten sich 87 Einwohner im Kiesdorfer Kretscham, um Ausschusspersonen für die Wahl eines Gemeinderates zu wählen.

Ein Kretscham war früher in einem Ort die Stätte, an der die örtlichen Gerichtstermine stattfanden. So auch in Kiesdorf. Den älteren Menschen ist ein Kretscham immer auch in Erinnerung als Gaststätte. In Kiesdorf ist aber laut Brand-Kataster von 1824 die Nr.1, das Lehngut, der Kretscham gewesen. Hier wurde damals auch ausgeschenkt, und es befand sich eine Brennerei auf dem Lehngut. Mit der Errichtung von Amtsgerichten Mitte des vorigen Jahrhunderts verlor vermutlich der Kiesdorfer Kretscham seine Bedeutung.

Zum 9. April 1839 also hatten ,,die Gerichte” (Ortsrichter, Gerichtsälteste, Schöffen) alle Kiesdorfer zur Wahl von Ausschusspersonen für einen Gesamtkiesdorfer Gemeinderat in den Kretscham eingeladen. Ein Gerichtsschreiber (aus Bernstadt) hat die Namen von 87 erschienenen Männern säuberlich in einem dicken, in Leder gebundenen Buch, vermerkt. Dieses Buch ist das erste Protokollbuch des Gesamtkiesdorfer Gemeinderates. Es fand sich unter den alten Schulakten. Aber erst jetzt kann der Inhalt erschlossen werden.

Auch wenn nicht alle Familienoberhäupter erscheinen konnten, verlief die Versammlung erfolgreich. Man einigte sich darauf, dass der zu wählende Ausschuss aus 2 Bauern, 2 Gärtnern (kleine Bauern), 3 Häusern und einem Hausgenossen bestehen sollte. Die Wahl erfolgte mit Stimmzetteln. Entsprechend der aufgeschriebenen Reihenfolge -wie im Protokoll vermerkt- trat jeder an den Sessionstisch heran und gab seinen Zettel ab. 44 Kiesdorfer (nur Männer) erhielten Stimmen, und jeder ist mit seiner erreichten Stimmenzahl im Protokoll vermerkt. Nach der Auszählung standen die 8 Personen mit den meisten Stimmen fest. Das Ergebnis wurde allen sofort kundgetan, das Protokoll aber ,,bloß von den Gerichten” unterschrieben. Es wurde damals offenbar immer so verfahren, dass ein Protokoll im Nachhinein in das Buch übertragen wurde. Erst danach erfolgte die Unterschriftsleistung.

Am 28. April 1839 mussten sich nun die 8 gewählten Ausschusspersonen im Amtshaus Bernstadt einfinden (Ein Bild des Amtshauses befindet sich in dem Buch ,,Rund um die Bernstädter Erdachse” S.35). Dies war die Kloster Marienstern’sche Kanzlei auf dem Eigen und Sitz des Gerichtes des Eigenschen Kreises. Hier einigte man sich darauf, dass es künftig zu den 8 Ausschusspersonen noch einen Gemeindevorstand sowie einen Gemeindeältesten für Ober-Kiesdorf und einen für Nieder-Kiesdorf geben soll. Man wurde sich klar über Geschäftsbereiche und Aufwandsentschädigungen und schritt mit den 8 Leuten wieder zur Wahl, diesmal für den ,,richtigen” Gemeinderat.

Der nun am 28. April 1839 im Bernstädter Amtshaus gewählte Gesamtkiesdorfer Gemeinderat bestand also jetzt aus 11 Mitgliedern. Zu den 8 Ausschusspersonen hinzugekommen waren der Gemeindevorstand und je ein Gemeindeältester aus dem Oberdorf und dem Niederdorf, alles Bauern.

So setzt sich der Gemeinderat zusammen aus

Der Vorstand und die beiden Gemeindeältesten mussten sich am 30. April 1839 wiederum im Amtshaus Bernstadt einfinden. Eine Gerichtsperson machte den 3 Ortsoberen die große Verantwortung klar, die ihnen übertragen ist. Es war eine lange Eidesformel vorbereitet. Der feierliche Akt der Vereidigung einschließlich der Unterschriftsleistung dauerte eine Stunde.

Im Protokoll ist alles ordentlich vermerkt.

Nun trat wieder das Localgericht (4 Kiesdorfer Gerichtspersonen - der Ortsrichter und 3 Schöffen) in Aktion. Es setzte am 2. Mai 1839 im Beisein eines Teils der hiesigen Gemeindeglieder den Kiesdorfer Gemeinderat in sein Amt ein. Gleichzeitig wurde den ,,zeitherigen Gemeindevertretern” aufgegeben, nunmehr sofort die vorhandenen Gelder, Schriften und sonstigen etwaigen Gemeindeeffekten dem Gemeindevorstande zu übergeben. Zugleich wird beschlossen

Dazu jedoch sind weiter keine Einzelheiten vermerkt.

Am 11. Juli 1839 trat dann der Kiesdorfer Gemeinderat zu seiner 1. Session zusammen. Da der Gemeindevorstand, Johann Gottlieb Kretschmer, aus dem Oberdorfe stammte, fand die Sitzung sicherlich in seinem Hause statt. (Erst 1857 ist von der Wahl eines Gemeinderatslokals die Rede. Es bleibt aber alles wie bisher - Sitzungen also im Haus des jeweiligen Gemeindevorstandes). Mit 8 Anwesenden war der Rat beschlussfähig. Das Protokoll wurde von dem Oberkiesdorfer Lehrer Micksch geschrieben. Verhandelt wurde über Wegebau und dazu notwendige Hand- und Spanndienste sowie einen Sitzungsturnus.

Vielfältig waren die anstehenden Probleme in den folgenden Beratungen; aber immer wiederkehrend finden sich Armenwesen, Schulangelegenheiten, Straßenbau, Brandschutz, Heimatrecht. Fundamentale Bedeutung hatten die Finanzen. Viel Aufmerksamkeit wurde deshalb den einzelnen Kassen und Rechnungen geschenkt.

Gemeindefinanzen früher

1792, also 48 Jahre vor der Wahl des Gesamtkiesdorfer Gemeinderates, erhielten wohl alle Kommunen im Herrschaftsbereich des Klosters St. Marienstern von ihrer Grundherrschaft einen Folianten. So auch Niederkiesdorf. In unserem Buch - es ist im Archiv vorhanden - autorisiert auf Seite 1 die Gnädige Frau Äbtissin die Gemeinde Niederkiesdorf zur Führung von Gemeinderechnungen. In dieses Niederkiesdorfische Gemeinbuch sollen also die Einnahmen und Ausgaben ab Walpurgis 1792 und den folgenden Jahren eingetragen werden. Es muss aber auch schon vorher ein Finanzwesen in der Gemeinde gegeben haben. Ein Rechnungsjahr ging damals von Walpurgis, also vom 1. Mai bis 30. April des darauffolgenden Jahres.

Die nächste Seite des Buches verzeichnet die Namen des Ortsrichters sowie der drei Oberkiesdorfer und drei Niederkiesdorfer Gerichtsältesten. Das Gericht war für beide Kiesdorfer Gemeinden zuständig. Vor dieser Behörde hatte die Rechnungslegung zu erfolgen. Getagt wurde im Kretscham. Gewissenhaft sind in dem Buch erst die Einnahmen verzeichnet, dann folgen die Ausgaben. Dabei nennt die 1. Position ein Kuriosum: bei der Rechnungslegung 1792 vertranken die Niederkiesdorfer Gemeindevertreter 8 Groschen auf Kosten der Gemeinde. Die Haushaltsordnung ließ das offenbar zu. Das galt fast 40 Jahre später auch noch. Aber stimmen musste alles. Meistens waren die Einnahmen etwas höher als die Ausgaben. Außer der Gemeindekasse gab es noch die Armenkasse, die Schulkasse, die Spritzenkasse, die Beruthzahltrechnungen (besondere Ausgaben der Bauern), den Bierprozeß. Daneben waren aber noch Abgaben sowie Hand- und Spanndienste an die Grundherrschaft zu leisten. Auch die Kirche brauchte Einnahmen. Im Verlaufe der Zeit wurden die Abgaben noch erweitert. Woher kam das Geld in die Kassen? - Aber der Steuerzahler war ja längst geboren. Es war laufend zu zahlen, meist durch Umlagen. Eine Umlage hieß damals Anlage. Die Haupteinnahme für die Gemeindekasse betrug 1792 89 Reichstaler, 3 Groschen und 6 Pfennige. Sie wurden durch elf Anlagen beschafft. Zahlen musste die Hufe (sozusagen das Bauerngut) 12 Groschen und der Häußler 6 Groschen. 18 Taler und 23 Groschen betrugen Zuschüsse von Eiserode und Neundorf. Diese sind nicht näher erläutert. 19 Taler, 8 Groschen, 9 Pfennige betrug der Überschuss vom Vorjahr. Es standen somit mehr als 127 Taler zur Verfügung. Wofür wurden sie ausgegeben?

In sechs Raten waren insgesamt etwa 100 Taler an das Kurfürstentum (den Staat) abzuliefern. Einen Taler und 4 Groschen kostete das eingangs erwähnte Gemeinbuch. Einen Taler erhielt der Gemeindeälteste als Lohn. Etwa 17 Taler behielt man fürs nächste Jahr. Ganze 8 Taler wurden in Groschen- und Pfennigbeträgen für andere örtliche Belange ausgegeben, aber fast nur für Dienstgänge, Schreibarbeiten, Bekanntmachungen sowie Revisionen. Nur 8 Groschen und 3 Pfennige betrugen die Aufwendungen für Materialien. (1 Taler = 24 Groschen, 1 Groschen = 12 Pfennige) Sehr bald brachen Kriegszeiten an. (Napoleon zog nach Russland und kam zurück). Rekrutierungen von Mann und Ross, Kriegssteuern und Naturallieferungen, Einquartierungen von allen Seiten und auch Plünderungen waren die Folge. Erst um 1830 schien wieder Ruhe eingetreten zu sein.