Schulstreit in Niederkiesdorf

In der Zeittafel zur Geschichte Kiesdorfs steht ganz einfach: 1790 Niederkiesdorf baut eine eigene Schule.

Pfarrer Keil macht in seinem überaus interessanten Buche “Welke und grüne Blätter…” im Jahre 1904 auf Seite 81 noch ein paar weitere Angaben zu dieser Schulangelegenheit.

So schreibt er unter anderem, dass die Niederkiesdorfer den Schönauer Lehrer nun auf Lebenszeit mit einer Geldsumme entschädigen. Das war ja eine nur zu verständliche Bedingung, denn der Schulmeister lebte vom Schulgelde, welches ihm die Eltern der Schulkinder zahlen mussten. Diese Festlegung aber barg Zündstoff.

Was sich jedoch in Wirklichkeit zugetragen haben soll, ist nicht immer verständlich. Unser Niederkiesdorfer Müller, Johann Benjamin Ay (ehemals auf der Hauke-Mühle) widmet in seinem Tagebuch der Schulangelegenheit mehrere Seiten. Demnach muss es damals recht dramatisch zugegangen sein. Am 10. Mai 1790 erfolgte ein wichtiger Schritt hin zum Schulbau. Bei dem Bäcker und Gärtner Elias Kießling, der zurzeit Gemeindeältester in Niederkiesdorf war, kam die Gemeinde zusammen. Den wenigsten Versammelten dürfte bewusst gewesen sein, was sich schon 45 Jahre vorher (also 1745) in der Angelegenheit zugetragen hatte. Damals war der Schulbau an der Entschädigungsbedingung gescheitert.

Nun aber vereinbarte (veraccordierte) man mit dem Zimmermeister Gottfried Krätschmar aus Oberkiesdorf, für 115 Thaler- ohne Schmiedearbeiten - ein Schulhaus zu bauen. Es war scharf verhandelt worden. Schließlich bekam der Zimmermeister 3 Thaler auf die Hand, und der Vertrag war besiegelt. So ging es in Gottes Namen los. Die Bauern holten das Bauholz aus dem Walde auf den Platz, wo die Schule errichtet werden sollte. Das Grundstück lag an der Dorfstraße, heute Nr. 76. Als nur noch wenige Fuhren fehlten, brach in der Gemeinde ein Streit um die Baustelle aus. Es wurde, wie wir jetzt sagen würden, kräftig “gehauen und gestochen”, auch in doppeltem Sinne, denn das Bauholz wurde trotzdem weiter zugearbeitet. Eigenartiges Verhalten einzelner, durchaus angesehener Niederkiesdorfer Einwohner führte schließlich zur Spaltung Niederkiesdorfs in Schulbauer und Widersacher. Unser Müller stand auf Seiten der Schulbauer. Er meinte, dass die Widersacher die Reicheren auf ihrer Seite hatten. Die Schulbauer riefen nun die Herrschaft zu Hilfe. Im Auftrag der Äbtissin des Klosters Marienstern (Panschwitz-Kuckau) erschien der für den Eigenschen Kreis zuständige Amtmann, der seinen Sitz in Bernstadt (Kunnersdorf) hatte. Er bestätigte die Baustelle. Die Gegner aber beruhigten sich nicht. So wurde der Amtmann ein zweites Mal gerufen. Das geschah am 10. Juli 1790. Es blieb bei dem festgelegten Bauplatz. Nachdem sich der Herr Amtmann entfernt hatte, fingen die Schulbauer an, das Haus “zu heben”. (Man muss sich den Hausbau so vorstellen, wie kürzlich die Wiedererrichtung des Langständerhauses in Schönau-Berzdorf vor sich ging.)

Alle Arbeiten in Kiesdorf verliefen weiter unter großem Zank und Streit. Inzwischen hatte ein Widersacher - verwandtschaftliche Beziehungen nutzend -heimlich die Baustelle (das Grundstück) für 10 Thaler gekauft. Man fragt sich, ob das überhaupt möglich war. Der Herr Amtmann saß nun zwischen zwei Stühlen und gab schließlich jeder Partei Recht, wurde aber am Ende auf die standhaften Schulbauer böse. Am 10. August ging nun auf einmal der Niederkiesdorfer Bauer, der anfangs die 3 Thaler zum Vertragsabschluss über den Schulbau gegeben hatte, mit einem Brief durchs Dorf und machte “den Leuten bange wegen des Prozesses, der hier werden würde”. Er überredete die meisten Leute; sie unterschrieben den Brief, dass sie nichts mehr mit dem Schulhause zu tun haben möchten. “Aber das Schulhaus wurde von uns mit viel Kummer und Sorgen fertig gebaut, und mit vielen Terminen, Tagen und Geldgaben vergesellschaftet. Der Herr Amtmann hörte uns nicht mehr an”. So hat es unser Müller wörtlich aufgeschrieben. Der erste Unterricht war am 12. Oktober 1790 gehalten worden. Man überstand den ersten Winter, es wurde Frühjahr. Für den 11. April 1791 erfolgte nun die Einladung zu einem Gerichtstermin ins Kloster St. Marienstern. Jede der Niederkiesdorfer Parteien hatte einen Rechtsbeistand. Die Widersacher bedienten sich des Syndikus. Das war der Justitiar des Klosters. Er war bei der Verhandlung da. Der Rechtsbeistand der Schulbauer kam verspätet und war böse mit seinen Mandanten, weil sie ohne ihn angefangen hatten. Aber sie konnten ja die Verhandlung nicht bestimmen. Die Widersacher hatten den Syndikus zu ihrem Rechtsbeistand erwählt, weil sie glaubten, er würde ihnen Recht geben. Aber der Syndikus verfuhr anders. Er zwang die Widersacher zur Zahlung von 30 Thalern an die Schulbauer. Auch mussten sie entsprechend der Ruthzahl (ihrem Besitz) Stroh für die Dachdeckung und Lehm zum Bauen begleichen. Immerhin ein Erfolg. Aber da war ja noch ein Problem…

Seit dem 12. Oktober 1790 wurde in der neuen Niederkiesdorfer Schule nun schon unterrichtet. Weiteres erfahren wir von unserem Müller aus Niederkiesdorf aus seinem Tagebuch. Zunächst berichtet er uns über die in den Anfangsjahren der Schule darin tätigen Lehrer.

Der erste Schulmeister war Carl Samuel Pretsch. Er kam aus Hirschfelde, war ein Sohn des dortigen Schulrektors, erst 17 Jahre alt, ledig, blieb 4 Jahre und wurde dann nach Oberrennersdorf berufen. In seiner Kiesdorfer Zeit war er vielen Anfeindungen ausgesetzt.

Der zweite Schulhalter war Johann Gottlieb Kunack, einziger Sohn des Zimmermeisters Kunack aus Großhennersdorf. Er brachte sich gleich eine Frau mit, blieb 2 Jahre und 6 Wochen und wurde dann nach Ottenhain versetzt. Anfang 1797 kam Carl Gottfried Hellwig, ein Sohn eines Schulmeisters in Berna bei Seidenberg (Zawidow), Kreis Lauban. Auch Pfarrer Keil, der ja später Schulinspektor war, nennt uns in seinem schon oft zitierten Buche auf Seite 82 die aufgezählten Lehrer. Jedoch schreibt er über den Schulmeister Kunack, er wäre aus Markhennersdorf gekommen. Pfarrer Keil erwähnt auch eine Uhr in der Kiesdorfer Schule und in diesem Zusammenhang „die vielen Querelen, die es um die Niederkiesdorfer Schule gegeben hat. Weil aber solche Rebellion im Dorfe wegen des Schulbaus entstanden”, verlor die Uhr fast an Bedeutung. Auch 1797 war immer noch nicht Ruhe und Frieden um die Niederkiesdorfer Schule eingezogen. Ein großes Problem war ja noch nicht gelöst.

In jener Verhandlung am 11. April 1791 im Kloster St. Marienstern waren die Widersacher des Schulbaus zum Mittragen der Baukosten verurteilt worden. Aber mehr hatte die Verhandlung auch nicht erbracht…

Noch immer bestand das Problem, weswegen der Schulbau 1745 gescheitert war. Es hatte sich nicht von selbst erledigt. Die Niederkiesdorfer unterhielten die Schule durchaus zu Recht. Ihre Lehrer waren von der Herrschaft anerkannt. Diese äußerte sich aber nicht erneut zur Entschädigung des Schönauer Lehrers. Die Widersacher traten immer wieder gegen die Schule auf. So hatte ein Niederkiesdorfer den Schönauer Lehrer aufgestachelt, sich „sein Geld” von den Kiesdorfern zu holen. Der Lehrer hatte anfangs nicht gewollt, war aber dann doch wohl bei den Leuten vorstellig geworden. Dazu hatte ein Niederkiesdorfer Bauer von dem alten Schönauer Schulmeister für einen Thaler das Schriftstück aus dem Jahre 1745 gekauft, in dem damals festgestellt worden war, dass bei einem Niederkiesdorfer Schulbau die Gemeinde jährlich dem Schönauer Schulmeister 5 Thaler Entschädigung zahlen solle. Wegen dieser Bedingung war ja damals der Schulbau unterblieben. Noch wurde nichts gezahlt.

Jetzt drohte der Herr Amtmann aus Bernstadt mit der Schließung der Schule. Was stand nun vor jeder Niederkiesdorfer Familie, die Schulkinder hatte? Den Schönauer Lehrer entschädigen, den eigenen Lehrer entlohnen, den Schulneubau bezahlen, die Schule unterhalten - die ganze Sache drohte zu einer ungeheuren Belastung für die Niederkiesdorfer zu werden. Was blieb ihnen übrig?

Wollten die Niederkiesdorfer im Jahre 1797 ihre Schule behalten, mussten sie tief in die Tasche greifen.

So ging am 30. August 1797 der Gemeindeälteste durchs Dorf, um das erforderliche Geld für die Entschädigung des damaligen Schönauer Schulmeister einzusammeln. Die Widersacher zahlten nichts. So musste der Gemeindeälteste eine Woche später die Zahlungsunwilligen erneut aufsuchen, bis das Geld zusammengetragen war.

Pfarrer Keil nennt in seinem schon zitierten Buche auf Seite 76 damalige Lehrer in Schönau. Demnach war von 1771 bis 1807 Johann Gottlieb Kretschmer Lehrer in Schönau. Daraus wäre zu folgern, dass die Entschädigungszahlungen aus Niederkiesdorf an ihn gegangen sein müssen. Es ist nichts über die tatsächliche Höhe und Zeitdauer der Zahlungen vermerkt. Wenn sie aber ,,auf Lebenszeit” zu leisten waren, dann dauerte das mindestens bis zum Jahre 1807. Zu dieser Zeit trat der Lehrer Kretschmer erst einmal in den Ruhestand. Leider erbrachten Nachforschungen im Archiv der Kirchgemeinde keine weiteren Einzelheiten.

Dieses Geld aber fehlte zur Erhaltung und Ausstattung der eigenen Schule. ,,So haben wir unsere Schule kümmerlich auf- und fertiggebaut, einer dies, einer das - von der Wandtafel bis zu Bänken und anderen Einrichtungsgegenständen, auch das Kreuz, welches bei Leichen getragen wird”. So berichtet es uns der Niederkiesdorfer Müller. Es wurde aber auch an die Ausgestaltung des Hausgartens gedacht. Man pflanzte 2 Apfel- und 4 Pflaumenbäume. Bald aber kamen kriegerische Zeiten. Napoleon zog heran. Die Befreiungskriege folgten. Nun berichtet Pfarrer Keil 1904 in seinem schon zitierten Buche auf Seite 81 weiter über die Schule. So musste schon 1816 die Westseite des Daches neu gedeckt werden. 1818 kam die andere Seite dran. Aus vorhandenen Rechnungen ginge hervor, dass große Reparaturen am Hause sonst nicht erfolgt seien. Das ganze Gebäude wäre nicht sehr zweckentsprechend gewesen. Besonders die Schulstube war bei der großen Kinderzahl viel zu klein. Es gab keinen Platz für Lehr- und Hilfsmittel. Das Haus wurde immer baufälliger, die Einrichtung immer schlechter. Und doch musste die Schule damals noch mehr als zwei Jahrzehnte halten. Erst 1840 konnte sich das Niederdorf ein neues, massives Schulgebäude leisten.

Das alte Umgebindehaus aber wurde noch mehr als 110 Jahre als Wohnhaus genutzt. Erst Ende der fünfziger Jahre (im vorigen Jahrhundert) erfolgte der Abriss.

Eine kleine Nachbemerkung: Seit der Veröffentlichung Pfarrer Keils in seinem Buche u. a. zur Kiesdorfer Schulgeschichte im Jahre 1904 erfolgten weitere Veröffentlichungen (1988,1996) im Territorium. Ich hoffe, mit meinen Darlegungen einige Sachverhalte erweitert und präzisiert zu haben.

Wilfried Ay