Muehlengeschichten

Vom Wasser haben wir’s …

Man kann sich fragen, was bei einem Wassermüller eigentlich schief gehen kann. Er war doch nicht vom Wind abhängig, hatte doch seinen Mühlgraben. Aber der musste stets in Ordnung sein.

Gewissenhaft hat unser Müller in der Niedermühle in Kiesdorf ab 1792 jährlich darüber in seinem Tagebuch geschrieben.

Die Räumungsarbeiten am Mühlgraben fanden jeweils im Oktober oder November statt. Bis zu 8 Mann waren dabei beschäftigt. Meist waren es Fremde.

Nur einmal sind 4 Kiesdorfer erwähnt. Sie hatten sich durch besondere vorherige Nachfrage die Arbeit gesichert. Für das Jahr 1814 ist folgendes vermerkt: Den 22. Oktober ist der Mühlgraben geräumt, 8 Mann, der Mann 2 Groschen Lohn, Aber nun kommen die Nebenkosten. 6 Seydel Branntwein, a Seydel 2 Groschen 6 Pfennig, ohne Butter und Brot, 10 Pfund Schöpsenfleisch, das Pfund 2Groschen 8 Pfennig, macht einen Reichsthaler 2 Groschen 8 Pfennig. Manches Jahr ist der Lohn in Böhm angegeben, was wohl mit Groschen gleichzusetzen war. Der Mühlgraben zu dieser Mühle hatte eine Länge von etwa 600 m und zweigte am Wehr im heutigen Auengrund (gegenüber der Nr. 5) von der Gaule ab. 1805 und 1813 wurde der Mühlgraben aber nicht geräumt, wegen der Kriegszeiten.

In Jahren mit normalem Wasserlauf gab es keine Probleme. Anders aber sah es im Winter aus. So berichtet der Müller vom besonders kalten Winter 1803 über seine Mühle und auch über die benachbarten Mühlen. Die Kälte (Frost ohne Schnee) begann schon Anfang Januar und hielt 5 Wochen an. Täglich musste “geeist” werden. Das bedeutete, vom Wassereinlauf und Ablauf sowie vom Mühlrad das Eis abzuhacken. Der Müller berichtet, dass sein Mühlrad in einer “Radstube” lief. Es war ein gehaust. Und aus dieser Radstube musste das abgehackte Eis dann auf beschwerlichem Wege herausgetragen werden. Aber die Mühe muss sich kaum gelohnt haben: In 5 Wochen nur 2 Scheffel gemahlen. Ansonsten halfen ihm “ein paar Gebäcke, die er vorrätig stehen hatte.” Als es dann am 16. Februar anfing zu tauen, kam nochmals viel Schnee. So musste die Zufahrt zur Mühle dreimal ausgeschaufelt werden.

Natürlich litt die ganze Gegend unter dem Winter. Wie sah es bei den Nachbarmühlen aus? Die Tauchritzer Mühle stand 5 Wochen still. In den Klostermühlen Ostritz und Leuba an der Neiße drehte sich auch nicht viel. So wurden für einen Scheffel zu mahlen bis 16 Groschen Trinkgeld geboten, weil wohl die Windmüller auch nicht alles schafften. Und wie sah es beim Nachbar Stöcker (in der Jäckelmühle) aus? Die Mühle blieb 4 Wochen eingefroren. Schließlich halfen am 2. und 3. Februar die Gemeinde Oberkiesdorf wie auch Niederkiesdorf loseisen. “Aber, es drehte sich nicht viel, weil wenig Wasser kam. Am Ende musste sich Meister Stöcker sein Brotmehl einmal selbst in der Windmühle mahlen lassen. Leider ist nicht der Standort der Windmühle angegeben. Auch die Bauern hatten in diesem Jahre viele Schwierigkeiten. Das Wintergetreide misslang, dafür aber gelang dann das Sommergetreide. 1804, vom 10. bis 15. Juni, fiel starker Regen. Es gab Hochwasser. in der Gegend, welches viel Schaden anrichtete, besonders an den Mühlen, die direkt an großen Bächen oder Flüssen lagen. In der niederen Mühle in Niederkiesdorf war über 60 Stunden lang wegen des vielen Wassers im Mühlgraben kein Mahlbetrieb möglich.

Ein Mühlrad selbst hielt auch nicht ewig. So war 1819 in der Mühle ein neues Wasserrad nötig. Unser Müller ließ es “in der Berne” (?) zu Hause bei Meister Hoffmann machen. Es ist aus lauter Kiefernpfosten und Brettern gebaut. Es wurde in Kiesdorf zusammen-gesetzt und am 10. Juni eingehängt. Das Rad selbst kostete 21 Taler, Fuhrlohn 1 Thaler 18 Groschen. Der Zusammenbau und das Einhängen kosteten 4 Thaler, alles zusammen rund 27 Thaler. Es hatten 2 Mann insgesamt 6 Tage zu tun.

Am 15. August 1806 geschah ein Malheur. Der Müller schreibt: “Nachmittags in der 5. Stunde fiel mein kleiner Sohn Carl Gottlob in die Rinne, die war voll Wasser, ging über das Wasserrad, kam unten durchgeschwommen, Die Mühle ging stark, weil viel Wasser war. Da er durch das Gewölbe geschwommen kam, hat er auf dem Rücken gelegen. Der Knabe war 1 Jahr und 18 Wochen alt, als er ins Wasser fiel. Das hatte niemand bemerkt, weil er sich hier unterm Fenster befand und spielte. Die Tochter Christiane zog ihn raus. Der Herrgott half, er schenkte uns das Kind lebendig und gesund wieder, dass auch kein blaues Fleckchen an ihm zu sehen war.” Soviel zunächst zu unserer Mühlengeschichte.

Das Wandern ist des Müllers Lust

Mit diesem Lied muss es schon seine echte Bewandtnis haben. Der Niederkiesdorfer Müller Johann Benjamin Ay (in der ehemaligen Hauke-Mühle) hat uns dazu auch einiges überliefert. So nahm er am 6.Juni Anno 1803 seinen ältesten Sohn, Johann Traugott “auf das Mühlhandwerk in die Lehre”. Anno 1306, den 17.November, ließ er ihn “Frei und Lossprechen von seiner Lehrzeit.” Dies geschah offensichtlich in Bernstadt, dem Sitz des Innungsmeisters mit (wörtlich) “ in die Lade geben 2 Taler, für das Schild in Willköm geben 20 Groschen, zu Tabak und Pfeifen 4 Groschen.” Am 25.Mai 1807 nahm er seinen zweiten Sohn in die Lehre.

Wie ging es aber nun nach der Lehre mit den Müllerburschen weiter? Der Müllermeister beschreibt es: “Anno 1808, am 20. April, ist mein ältester Sohn, Johann Traugott, auf die Wanderschaft gegangen, nach Schlesien zu. Herr Jesus sei sein Geleitsmann.” Losmarschieren im Frühling kann man sich gut vorstellen. 1812 ging sein zweiter Sohn, Johann Gottlieb, auf die Wanderschaft, auch nach Schlesien zu. Der aber machte sich am 24. Januar auf den Weg - mitten im Winter. Aber vielleicht war das Wetter damals eher frühlingshaft. Beide Söhne gingen in einer Zeit, in der es alles andere als friedlich zuging. (Napoleon, Befreiungskriege). Über eine Rückkehr der beiden Wanderburschen ist nichts aufgeschrieben. Zur nämlichen Zeit aber waren wohl Dutzende Müllerburschen unterwegs. 1824 schreibt uns der Müllermeister weitere interessante Dinge auf. Es ist eine aufschlussreiche Statistik. Von Michaelis 1824 (29. September) bis Michaelis 1825, also innerhalb eines Jahres, sprachen in der Mühle 167. junge Müllergesellen vor, die alle auf der Wanderschaft waren. 18 bekamen ein Mittagessen, 23 ein Nachtlager. Im darauffolgenden Jahre kamen in der gleichen Zeitspanne nur 112 Wanderburschen in die Mühle. 10 erhielten ein Mittagessen, 12 ein Nachtlager. Inwieweit die anderen ein paar Pfennige Wegzehrung erhielten, ist nicht überliefert. Eingestellt wurde niemand. Sicherlich hatten die anderen beiden Mühlen in Kiesdorf eben so viel Besuch, Am 29.Mai 1820 ging der neunte und jüngste Sohn des Meisters, Abraham Gottfried, beim Vater in die Müllerlehre und wurde 1823 freigesprochen. Über seine Wanderjahre ist nichts bekannt. Er übernahm die. väterliche Mühle am 4. Mai 1831. (wird fortgesetzt).

Steine

Manchmal liegen sie uns im Wege. Aber der Mensch lebte von Anbeginn mit ihnen zusammen. Eine ganze Entwicklungsetappe der Menschen wurde nach ihnen benannt: die Steinzeit. Der Mensch nutzte die Steine, fertigte daraus einfache Werkzeuge und Hilfsmittel, so den Faustkeil, Pfeilspitzen, Schaber, Steinbeile oder Spinnwirtel. Mit Steinen ließen sich auch Funken schlagen. So konnte Feuer entfacht werden. Später wurden zwischen Steinen auch Körner zerrieben. So gewann man schließlich Mehl. Steine halfen zum Überleben. Sie waren bald ein gutes Baumaterial. Der Mensch lernte ihn zu beherrschen. Dabei ist Stein nicht gleich Stein. Unsere Oberlausitz präsentiert unter anderen Arten den harten Granit, aber auch den weicheren Sandstein.

Von diesem soll hier nun die Rede sein. Im Zittauer Gebirge finden wir einzigartige Steinbrüche: die Mühlsteinbrüche in Johnsdorf. Der dort gebrochene Stein fand Verwendung in den Mühlen unserer Orte. Eine Sage berichtet uns von einem Wassermüller in Kiesdorf. Nachgewiesen aber sind im 14. Jahrhundert drei Wassermühlen: eine im Oberdorf, zwei im Niederdorf. Eine Wassermühle war ein imposantes technisches System. Wichtigste Bestandteile waren der Mühlgraben, das Wasserrad sowie das Mahlwerk mit Boden- und Läuferstein. Letzteres ist in der Mühle Dorfstraße 59 (Jäckelmühle) noch vorhanden. Nun aber soll die Rede von der Mühle ganz unten im Niederdorf sein. Diese Mühle übernahm 1792 ein Müllermeister, Johann Benjamin Ay, der wohl aus einer alten Oberlausitzer Müllerfamilie stammte. Er führte eine Art Tagebuch. Darin schreibt er: ,,Anno 1794, den 29. September, habe ich einen Bodenstein auf der Wand im Johnsdorfer Steinbruche gekauft auf der Stelle mit dem Ladegelde für 3 Taler 12 Groschen. 6 Ellen lang 13 Zoll hoch. Fuhrlohn 2 Taler, 1 Metze Kleine und ein Gebund Heu.” Kleine war vermutlich Kleie mit Hafer~ Eigenartig sind auch die Größenangaben für den Stein. So könnte mit Länge der Umfang gemeint sein. Das entspräche dann etwa einem Durchmesser von 1 m, die Dicke des Steines etwa 35cm. „Anno 1798, den 18. Juni, habe ich in Johnsdorf einen Läuferstein gekauft. 6 Ellen 1 Zoll ist er auf der Mahlbahn lang.

Mit dem Ladegelde 10 Taler 4 Groschen. 17 Creutzer Trinkgeld. Fuhrlohn 3 Taler 20 Groschen, 6 Metzen Hafer und 18 Groschen. Ist von der Wand gebrochen der Läufer. 1802, den 23. Juni, habe ich den neuen Läufer aufgetrieben.” Damit war sicherlich das Einbauen gemeint. 1808 wurde ein neuer Läuferstein in Johnsdorf geholt, der schließlich 1810 aufgetrieben wurde. Dieser Stein war aus dem ,,Weißen Loche” gebrochen worden. Die Kosten hatten sich inzwischen erhöht. Neuerdings waren in Zittau auch 7 Groschen Zoll zu zahlen. 1820 musste erneut ein Läuferstein angeschafft werden. Diesmal stammte er aus dem ,,Schwarzen Loche” des Bruches.

Der Müller hatte es aber auch anderweitig noch mit Steinen zu tun. Jedes Mal erbat er sich für seine Vorhaben Gottes Segen und Beistand.

Der Müller hatte aber nicht nur mit Mühlsteinen zu tun. Zu seiner Wassermühle gehörte ja auch ein Mühlgraben. Dieser zweigte im heutigen Auengrund von der Gaule ab und führte durch mehrere andere Grundstücke. Und so war es wohl Angelegenheit des Müllers, für einen Übergang über den Mühlgraben zu sorgen. Er schreibt dazu in seinem Tagebuch: “1829, den 21. August, hab ich bei Gottlob Dittmann den Stein über den Mühlgraben gelegt. Der Stein auf der Stelle in Dittrichsbach 2 Taler, Fuhrlohn 12 Groschen. Lang ist der Stein 3 34 Ellen (2,10 m), breit 1 Elle. 3 Puder Steine aus Traugott Dittmanns Bruche, das Fuder zu 4 Groschen = 12 Groschen, Maurerlohn 10 Groschen, Dieneln für die 3 Fuder gegeben 3 Groschen; mit Trinkgeld, Branntwein und Graupen 3 Groschen gerechnet, ohne unsere Mühe und Arbeit, ohne Eisen Karl Dittmann (?) 1 Groschen. So kommt es auf 4 Taler 3 Groschen.” Über die Dicke des Steines ist nichts ausgesagt. Wenn wir sie mit 20 cm schätzen, hat der Stein mehr als 500 kg gewogen. Neue Mühlsteine waren etwas mehr als 300 kg schwer. Solche Steinbewegungen waren mit körperlicher Schwerarbeit verbunden. Als Hilfsmittel standen Rollen, Hebebäume, vielleicht ein Flaschenzug zur Verfügung.

Eine Mühle war eine lebenswichtige Einrichtung. Fast alle Dörfler mussten mahlen lassen. Woher sonst konnte man Mehl beziehen? Also musste die Mühle auch von allen gut zu erreichen sein. Wie aber sahen damals die Wege aus? Festgebaute Straßen gab es noch nicht. Eine gut erreichbare Mühle jedoch war dem Geschäft dienlich. Und so erfahren wir aus des Müllers Tagebuch gleich auf Seite 1, beginnend mit dem 3. April 1796, Neues zu einer steinigen Angelegenheit. Jedes Jahr sind Steinfuhren vermerkt. “Anno 1793 hab lassen drei Fuder Steine aus dem Hutberge in die Straße fahren - gegeben. 12 Groschen.” In anderen Jahren sind neben der Anzahl der Fuhren auch die Fuhrleute vermerkt und die verschiedenen Stellen, von denen die Steine geholt wurden, so von Gottfried Kießlings Berge, von Mauckes Berge, von Gottlob Kretschmers Berge, aus dem Omsberge (Ameisenberge?) und von anderen Stellen. 1818 und 1819 spannte der Müller gar selbst seine Kühe zum Steine fahren an. Am Ende überblickt er 42 Jahre und kommt auf über 300 Fuder. Mit Sicherheit handelten die beiden anderen Kiesdorfer Müller ebenso. Erst etwa seit 1835 erfolgte der Ausbau des Kiesdorfer Straßennetzes in der heutigen Verkehrsführung durch die Gemeinde.