Kulturzentrum

Ende 1971 schloss der Gasthof “Zum Löwen”, nachdem am 31.12.1954 der “Ziegelhof” seinen Schankbetrieb eingestellt hatte. Das “Lamm” existierte schon seit 1923 nicht mehr.

Nun fehlte auch in Kiesdorf ein Saal, die Räumlichkeit im “Löwen” war baupolizeilich gesperrt worden. Die Nutzung der Schulräume, des Speiseraumes in der Kindereinrichtung oder bei der ZBO gestatteten keine großen öffentlichen Veranstaltungen.

Zur Entstehungsgeschichte

Ende 1963 hatte die Pließnitz ein neues Bett bekommen und für die neuen Kraftwerke in Hagenwerder war eine große Freiluftschaltanlage notwendig geworden. Diese entstand in Niederkiesdorf. Die Baustelleneinrichtung umfasste auch zwei Baracken, die mit Inbetriebnahme der Schaltanlage 1974 überflüssig wurden. Es gab einige Gedanken über deren Nachnutzung. Eine Idee war die Umsetzung der Baracken in die Ortsmitte von Kiesdorf und Nutzung als Mehrzweckbaracke. Frau Ingeborg Haase war damals Bürgermeisterin. Sie konnte mit dem Gemeinderat beim Rat des Kreises Görlitz das Vorhaben auf den Weg bringen. Im Juni 1974 wurde die Umsetzung eingeleitet. Ab 1964 bis 1969 wurden Feste im “Grund” gefeiert. Der 25. Jahrestag der DDR wurde mit einem Fest im ehemaligen Tabakhaus begangen. Anfang Juni 1975 wurde den Kiesdorfern in einem Flugblatt das Projekt des “Kulturzentrums” vorgestellt und alle Einwohner zur Mithilfe aufgerufen.

Der Bau wurde in die Mitte des Dorfes neben die Schule gesetzt, um Ober- und Nieder-Kiesdorf noch näher an einander rücken zu lassen und den Begriff “Zentrum” zu unterstreichen. Im Frühjahr 1975 begann zunächst eine Firma, die ZBO (Zentrale Bauorganisation Kiesdorf eine zwischengenossenschaftliche Einrichtung der LPG) mit den Arbeiten. Eine Baugenehmigung zu bekommen war schon ein kleines Kunststück, ein größeres bildete jedoch die Materialbeschaffung. - Aber alles wurde gelöst. Verhältnismäßig leicht erhielt die Gemeinde eine Schankgenehmigung. Mit dem Fortschreiten des Baus boten sich immer mehr Möglichkeiten für die freiwillige Mithilfe der Bürger im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes (NAW). Neben bauerfahrenen Leuten kamen jedes Wochenende Ältere sowie Jugendliche und machten mit. Neben Bruno Förster, Günther Döring und anderen war es vor allem Artur Schmidt, der ständig für den Fortgang der Arbeiten sorgte. Nicht unerwähnt dürfen die Frauen bleiben, die an den Arbeitstagen immer ein gutes Frühstück für die Bauleute organisierten. Nach einer Winterpause wurden am 20. März 1975 die Arbeiten fortgeführt. Bereits am 1. Mai konnte Richtfest gefeiert werden (in der Konsumgaststätte Altbernsdorf). Und schon wurde auch an eine Einweihungsfeier gedacht.

Die Millenniumparty

Unsere Kiesdorfer Feier zum Übergang ins Jahr 2000 hat stattgefunden - im Kulturzentrum, dessen Rekonstruktion fast abgeschlossen ist. DANK ALLEN AKTIVEN! Ich möchte die Worte wiederholen, die ich dem Wanderführer von Tourist-Information Niesky mit auf den Weg gegeben habe:

“Das Kulturzentrum Kiesdorf hat seine Zukunft noch vor sich.” Aber nun zur Einweihung und Inbetriebnahme des Objektes im Jahre 1977. Sie gestaltete sich schließlich so:

Am 30.04.1977, dem Vorabend des 1. Mai, formierte sich im Oberdorf (Ortseingang) ein Demonstrationszug. Er ging bis zur “Mehrzweckbaracke”. Hier versammelten sich etwa 200 Personen, Jung und Alt. Gegen 20.30 Uhr wurde das erste Bier in der zukünftigen Gaststätte gezapft. Den Ausschank hatte Bruno Förster übernommen. Es wurde toll gefeiert.

Die offizielle Einweihung des 1. Bauabschnitts erfolgte am Sonnabend, dem 28. Mai 1977, um 19.30 Uhr. Es wurde eine Ausstellung der Schule (MMM - Messe der Meister von Morgen) gezeigt.

Am 17. Mai hatte das Haus Telefon erhalten. Nun bezog auch der Rat der Gemeinde seine neuen Räume. Am 18. Mai 1977 öffnete die Poststelle im Kulturzentrum. 17. Juni 1977 1. Sprechstunde Dr. Buchhalter im Arztzimmer, zum 1. Mal Wiegestunde für die Kleinstkinder. 21. Juli 1977 Eröffnung der Gaststätte (Fam. Herkner), erster offizieller Ausschank, Brigadeabend der LPG-Technik. Angestrengt wird am Ausbau des Saales gearbeitet. Auch die Außenanlagen werden gestaltet, über 100 Rosen gepflanzt. 27.10.1977 Wahl eines neuen Bürgermeisters, Rolf Scheffler im Jugendzimmer, unsere bisherige Bürgermeisterin Frau Haase war verstorben. 03.11.1977 Auf einer Veranstaltung im Kreiskulturhaus Reichenbach wird die Gemeinde Kiesdorf für die Errichtung des Kulturzentrums sehr gelobt. 04.11.1977 Mit 168 geladenen Gästen bis hin zum Vorsitzenden des Rates des Kreises wird unser Objekt eingeweiht und erhält vom Bürgermeister den Namen “Kulturzentrum”. 05.11.1977 Der Schulrat feiert mit den Schülern des Schulkombinates Dittersbach-Kiesdorf im Saal das “Fest des Roten Oktober”. Nachmittag 1. Skatturnier in der Gaststätte. 11.11.1977 Aus dem Konzerthaus Görlitz (Abriss) wird eine Bareinrichtung geholt. 01.12.1977 Erste Turnstunde im Saal (Schüler Kl. 3 und 4). 06.12.1977 Einwohnerversammlung und Verkehrsteilnehmerschulung im Saal; 168 Personen sind anwesend. 26.01.1978 Eine Delegation (Bürgermeister, Jugendfreund Ralf Raimann und W. Ay) ist nach Berlin zu einem Festakt beim Nationalrat der Nationalen Front geladen, weil Kiesdorf 1977 zu den 100 besten Gemeinden in der DDR gehörten. Die Gemeinde erhielt ein Geldgeschenk in Höhe von 3.500,- Mark. 07.05.1978 1. Jugendweihe im Saal. 06.10.1978 Einweihung der Bar. 04.02.1979 Erstmals Gottesdienst im Kulturzentrum (ev.). 10.05.1980 Erste Zahnarztsprechstunde. 20.09.1980 Der Küchenanbau wird begonnen. März 1981 Eine Tanzfläche mit Parkett wird im Saal eingeweiht. 07.01.1982 Eine Telefonzelle ist am Kulturzentrum aufgestellt worden. 01.04.1983 Die Gaststätte muss schließen. 17.04.1984 Ein Zimmer für den Abschnittsbevollmächtigten (ABV) wird eingeweiht. 09.05.1984 Gaststätte wieder eröffnet. Mai - Juli 1985 Der Verwaltungsteil des Kulturzentrums wird massiv ausgebaut. Januar 1986 Nach der Silvesterfeier schließt die Gaststätte erneut. Dem Rat der Gemeinde war eine Schankerlaubnis erteilt worden. Das gestattete uns, mit örtlichen Kräften zu besonderen Festlichkeiten (1. Mai, Staatsfeiertag), zu Tanz- oder anderen Veranstaltungen auch auszuschenken.

Fam. Kretschmer widmete sich lange Jahre dieser Aufgabe. Das Kulturzentrum war ein Fundament für das gesellschaftliche Leben in der Gemeinde geworden. Der Anbau einer Kegelbahn wurde nicht aus den Augen gelassen. Mit der Wende verlor das Objekt einige Funktionen. Aber nun verlangte die Jugend ihr Domizil. Es gab fast Dauerbetrieb in den Räumen.

Der Freizeitverein gründete sich. Schon bald wurde der Saal massiver ausgebaut und die Bühne für einen Disko-Betrieb hergerichtet.

Die Bar erfuhr durch die Jugend eine Rekonstruktion.

Das Kulturzentrum wurde weiter fleißig genutzt. Der Freizeitverein e.V. ließ so manche Veranstaltung “über die Bühne” gehen und sorgte für das leibliche Wohl der Gäste. 1996 wurden die ehemaligen Räume der Gemeindeverwaltung und der Post zu einem großen Raum vereinigt und den Senioren für ihre Veranstaltungen zur Verfügung gestellt.

Am 23.10.96 erfolgte die Einweihung. Zweimal fanden interessante Ausstellungen zur Ortsgeschichte statt. Mehrere gediegene Dorferntefeste wurden von einem besonderen Festausschuss organisiert. Schließlich gab es Gedanken für eine Rekonstruktion des Objektes. Unser Bürgermeister Ch. Hänel schaffte dafür die notwendigen Voraussetzungen. Zeichnungen wurden am 26.2.1998 im Ortschaftsrat vorgestellt. Ende Mai 1998 war Baufreiheit für den Umbau geschaffen.

Eine abschließende Betrachtung

Das Kulturzentrum war wirklich ein Mittelpunkt für Kiesdorf geworden. Es wurde in jeder Beziehung genutzt. Immer wieder konnte etwas verbessert werden. Aber es blieb ein barackenähnlicher Bau, ein Flachbau. Auch der Zahn der Zeit nagte. Das Dach (Wellasbest) zeigte erste Schäden. Unser Bürgermeister entwickelte Gedanken für eine Änderung. Es wurde besichtigt, es wurde geplant. Das Architekturbüro Lehmann und Partner Löbau erhielt einen Auftrag. Jedoch mussten große Fördermittel her. Am 26.2.98 konnten dem Kiesdorfer Ortschaftsrat Zeichnungen für einen Umbau vorgelegt werden. Das Konzept sah eine Verkleinerung des Objektes vor, eine neue Raumaufteilung, Ausbau des Kellers und ein spitzes Dach. Das sollte vor allem dem Saal ein neues Gepräge geben. Auch die Gaststätte sollte wieder entstehen. Zunächst wurde Ende Mai 1998 das Objekt an das Abwassernetz angeschlossen. Damit begann der Umbau. Rasch musste nun das ganze Gebäude geräumt werden. Der Seniorenrat bekam zu tun, der Freizeitverein musste handeln. Da begann auch schon eine starke ABM-Mannschaft unter fachlicher Leitung der einheimischen Baufirma Kretschmer mit Abrissarbeiten am Giebel, dem ehemaligen Eingang zum Gemeindeamt. Aus dem Keller wurde die dort gelagerte Sandsteintafel, die einst über dem Eingang Kiesdorfer Vereinsschule angebracht war, auch geborgen. Was nicht auf der Müllhalde landete, kam zunächst zur Einlagerung in das ehemalige Konsum-Landwarenhaus im Oberdorf.

Der Sommer des Jahres 1998 wurde gut genutzt. Umfangreiche Baumaßnahmen fanden statt. Ganz wichtig waren Isolierarbeiten an den Fundamenten. Am 6.10.98, etwa 15.15 Uhr, konnte Bürgermeister Chr. Hänel als Bauherr den letzten Nagel am Dachgebälk einschlagen. Der Bau war gerichtet. Das Richtfest fand am 23.10. im Vereinshaus Schönau-Berzdorf statt. Der gesamte Baukomplex einschließlich der Nebenräume (Garagen) war am 1.2.99 vollständig mit Ziegeln eingedeckt. Und schon fieberten wir einer Wiedereröffnung entgegen. Der Festzug anlässlich des hundertjährigen Feuerwehrjubiläums im Juni führte uns noch an der Baustelle “Kulturzentrum” vorbei. Aber wesentliche Straßenbauarbeiten waren zu der Zeit im Dorf schon geschafft! Jedoch ging das ganze Jahr noch mit dem Innenausbau des Objektes vorüber. Immer näher rückte der Jahreswechsel. Überall wurde vom Jahrtausendwechsel gesprochen. Kann im Saal unsere Silvesterfeier stattfinden? Der Bürgermeister mobilisierte alle Kräfte. Der Freizeitverein organisierte Musik und Ausschank. Die moderne Gasheizung funktionierte schon und die Sanitärräume zeigten sich in Bestzustand. Wenn auch Küche und Theke ein Provisorium darstellten, Tische und Stühle zusammengeborgt waren: Am Silvesterabend erstrahlte der neue Saal im hellen Lichterglanz. Über 120 Kiesdorfer mit ihren Gästen begrüßten das Jahr 2000 und feierten ausgelassen bis zum Morgen

Und am 19. Januar hieß Bürgermeister Hänel die Kiesdorfer Seniorinnen und Senioren im neuen Saal willkommen.

Nach und nach wird nun die Ausstattung des Objektes sowie der Ausbau der Gaststätte vollendet. Zum 15. März 2000 erwarten wir einen Gastwirt. Übrigens fand sich in jeder Januarwoche dieses Jahres ein Anlass, den Saal für eine Veranstaltung zu nutzen. Und der Vereinsraum im Keller? Er ist bestens ausgebaut. Die Jugend sorgt für täglichen Betrieb.

Dieser Bericht lässt nichts von den Schwierigkeiten erkennen, die zum Wiederaufbau des Kulturzentrums überwunden werden mussten. Herrn Bürgermeister Hänel gebührt hier ein ganz besonderes Dankeschön.

Wilfried Ay