Ende des II. Weltkrieges

Die Front verlief seit dem 18. April 1945 von der Neiße bei Rothenburg her über Bautzen nach Westen. Die alliierten Verbände hatten sich am 25. April an der Elbe getroffen. Berlin wurde noch von der Wehrmacht gehalten. Auch in Kiesdorf gab es Verteidigungsvorbereitungen. An der Straße nach Tauchritz neben Kapplers Scheune (heute jenseits der Pließnitz gelegen), neben dem Spritzenhaus im Niederdorf und an der ehemaligen Ziesche-Schmiede (jetzt Dorfstraße 43) wurden Panzersperren errichtet.

Ältere Kiesdorfer Männer waren an der Panzerfaust ausgebildet worden. Dabei hatte sich ein schwerer Unfall ereignet, der einem Bewohner das Augenlicht kostete. In der ehemaligen Sandgrube (später ZBO-Gelände); aber auch an anderen Plätzen, befanden sich Geschützstellungen. Das Lager mit den französischen Kriegsgefangenen im Saal des Gasthofes ,,Löwe” war evakuiert worden. Manche blieben jedoch bei den Bauernfamilien, bei denen sie gearbeitet hatten. So auch viele Ostarbeiter. Auf einigen Grundstücken waren Splittergräben ausgehoben worden. Der Flüchtlingsstrom aus unseren Dörfern - zusammen mit Flüchtlingen aus Gebieten jenseits der Neiße - bewegte sich in die CSR. Die letzte militärische Operation der Roten Armee zielte deshalb in Richtung Prag. Am 8. Mai früh wurde Görlitz erreicht. Die Truppen der 214. Schützendivision (52. Armee, 1. Ukrainische Front, Marschall Konew) rückten weiter nach Süden vor und erreichten am späten Vormittag vom Hutberg her auch Kiesdorf. Es kam zu Gefechten und es gab Tote.

Die Wehrmacht hatte die Räumung des Ortes befohlen. Nachbarschaften hatten sich zusammengetan. Fuhrwerke waren beladen. Aber nicht alle Einwohner setzten sich früh in Bewegung. Der Zug ging in Richtung Dittersbach, weiter nach Neundorf und Großhennersdorf. Rege Fliegertätigkeit war zu verzeichnen. Es herrschte sonniges Frühlingswetter. Auch die Wehrmacht ging zurück. Die Flüchtlingskolonne wurde immer wieder von Tieffliegern angegriffen. Zwei von ihnen wurden abgeschossen und stürzten links und rechts der Straße ab, nachdem sie sich noch ihrer Bombenlast entledigt hatten. In Neundorf wurde die Familie Schütze aus Kiesdorf schwer getroffen. Der Vater erhielt eine Schussverletzung und wurde anschließend von einem Panzer überrollt. Den Sohn Richard traf dann in Großhennersdorf ein Geschoß eines Tieffliegers. Sanitäter transportierten den Verletzten ab. Es gab weitere Verwundete und Tote.

Der Flüchtlingszug ging über Zittau und endete in Lückendorf. Aber schon ab dem nächsten Tag erfolgte die Rückkehr. Die materiellen Kriegsschäden waren in Kiesdorf verhältnismäßig gering. Einige Häuser wiesen Einschüsse auf. Bombentrichter sah man vor Helbigs Haus (Dorfstr. 41) und im Misthaufen der Jäckel-Mühle. Es erfolgten Plünderungen. Auch Frauen hatten unter den Übergriffen der Soldaten zu leiden. Erschossen wurde der Bauer Tempel. Der Gastwirt Gerhard Backasch wurde in seinem Lokal so zusammengeschlagen, dass er ein paar Wochen später an den Folgen starb. Die Frau des Gutsbesitzers Krause trank in Selbstmordabsichten Salzsäure, überlebte aber. Die Steindeckerbrücke an Lehmanns Hofgasse (neben der ehem. Bäckerei Burkhardt, Dorfstr. 99) hielt die Überfahrt eines russischen Panzers nicht aus und brach ein.

Dieser Bericht entstand nach vielen Gesprächen mit Kiesdorfer Einwohnern, denen ich herzlich danke.

Wilfried Ay, Kiesdorf