Entstehung

Es ist nicht außergewöhnlich, einen Ort in Oberdorf und Niederdorf einzuteilen. Bei manchen anderen Orten findet man jedoch eine Bezeichnung von Groß- und Klein, oder Deutsch- und Wendisch. Das sind jedes Mal aber Bezeichnungen für 2 verschiedene Orte. Der Begriff Ober- bzw. Nieder- in Verbindung mit einem Ortsnamen nennt ebenfalls 2 verschiedene Dörfer. Von größter Bedeutung für einen Ort ist seine urkundliche Ersterwähnung.

Für die Feier von Ortsjubiläen ist das ein unverrückbares Datum. Aber die Geschichte kennt durchaus auch manchmal 2 solcher Daten für einen Ort, die dann gelegentlich zu 2 gleichartigen Jubiläen führen. Aber das soll hier nicht näher betrachtet werden.

Die Entstehung eines Ortes kann durchaus schon längere Zeit vor der Ersterwähnung liegen. Für unsere Orte trifft das bestimmt zu. Kiesdorf angehend findet man in jüngerer Zeit die Bezeichnungen Oberdorf und Niederdorf, in früherer Zeit aber exakt Oberkiesdorf und Niederkiesdorf, im 14. Jahrhundert gar Slawisch Kezelingisdorf und Teutonisch Kezelingisdorf, als zwei getrennte Orte, obwohl der Ort manchmal in Urkunden auch als ein Ort bezeichnet wird. Neulich las ich in dem Buch “Die Oberlausitz als besondere Abteilung von Sachsens Kirchengalerie, Parochie Bernstadt”, etwa aus dem Jahre 1845, merkwürdige Dinge. So auf Seite 412: “So wenig sich über die Entstehung von Ober- und Niederkiesdorf sagen lässt, außer dass beide letzteren Dörfer immer einzeln und jedes für sich bestanden haben, obwohl sie bald eine und dieselbe Herrschaft erhielten und das sie, sie mögen nun gleichzeitig oder nach einander entstanden sein, niemals eine einzige Ortschaft bildeten, wie schon ihre Lage vermuten lässt, so sehr…”

Mehr als 2 Dinge sind hier interessant: Die geografische Situation, die gleiche Obrigkeit, die Kirchenzugehörigkeit und die Entstehung. Manche Oberlausitzforscher verneinen das Vorhandensein einer slawischen Restbevölkerung zur Zeit der Kolonisation (Ortsgründung), andere bejahen sie. Ja es wird sogar die Vermutung ausgesprochen, dass auf dem Gelände des Lehngutes (Allodium, Hof) eine slawische Wehranlage bestanden haben könnte (J. Huth: Slawische Siedlungen und Burgen im Eigenschen Kreise, 1963). Bewiesen ist es nicht, es sei denn, es würde einmal etwas ausgegraben… Meine Meinung: Es hat zur Zeit der Kolonisation hier eine slawische Restbevölkerung gegeben, denn das Zinsregister des Klosters Marienstern (1374) weist einige zinspflichtige Bauern aus, deren Namen slawischen Ursprungs sind (H. Bahlow: Deutsches Namenslexikon, 1972). All diese Dinge haben jedoch dazu geführt, dass in Veröffentlichungen (u.a. Werte der deutschen Heimat, Band 54, 1994, Seite 196) das Oberdorf als das Slawische Kezelingisdorf und das Niederdorf als das Teutonische Kezelingisdorf dargestellt werden. Laut Zinsregister liegt aber das Allodium (das Lehngut) im Oberdorf, im Teutonischen Kezelingisdorf.

Der geografische Faktor mit Schulberg (Lindelberg), Grund, Gaule umflossen, früher ein Sumpfgebiet bildend, rechtfertigt schon eine Einteilung in Oberkiesdorf und Niederkiesdorf als getrennte Orte. Fest steht für uns eine eindeutige Ersterwähnung: 1264.

Zur Besiedlung, Entstehung der Orte und Herrschaft mehr im nächsten Dorfblatt.

Unsere Orte mit den heutigen Namen sind deutsche Gründungen. Die Siedler wurden aus westlichen Ländern (Saale- und Rheingegend) geholt. Unser Gebiet war im Zuge der Ostexpansion unter Kaiser Otto I. (936- 957) erobert und dem Bischof von Meißen erst als Lehen und später als Eigen übergeben worden. Die Obrigkeit brachte Bedienstete mit, sogenannte Ministeriale. Solche waren offensichtlich die Herren von Kamenz. (Über deren Familiengeschichte wird später noch zu berichten sein.) Mit ihnen kamen die Herren von Schönburg und von Baruth. Sie waren untereinander verschwägert. Vor allem sind die Herren von Kamenz zu nennen. Alle erhielten Land in und um Kamenz sowie im Gebiet der Pließnitz und Gaule, später die Bernstädter Pflege genannt, erst als Lehen und schließlich als “ihr Eigen”. 3 Generationen der Herren von Kamenz sind zu nennen- Väter und Söhne und Brüder- von Bernhard I. bis IV, Withego, Volrad und Conrad. Alle lebten in der Zeit um 1200 bis 1274.

Es war üblich, die neu gegründeten Dörfer nach dem Locator (Ortsgründer) zu benennen. So zogen wohl die Siedler über die Via Regia (die älteste Ost-West-Verbindung) durch Görlitz, von dort der Neiße-Talrand-Straße (älteste Nord-Südverbindung, heute B99) neißeaufwärts folgend über Deutsch-Ossig hinaus. Hier dürften sie auf die Pließnitzeinmündung und auf die Gaulemündung gestoßen sein. Die Neiße -Talrandstraße hatte Parallelen. (aus: Die ältesten Wege in Sachsen, von Baurat Weickel; Straßen von Böhmen nach der Oberlausitz, von Seeliger; Verkehrsverbindungen, von Aurich; Der Verlauf der Neiße-Talrand-Straße zwischen Rothenburg und Zittau, von K. Zahn; alle aus dem vorigen Jahrhundert). Eine solche Parallele war sicherlich ein alter Weg aus der Slawenzeit: unsere heutige Obere Straße in Kiesdorf, jetzt die K 8617. Sie zweigte damals schon in Nähe der Pließnitzeinmündung im Neißetal ab. Auf diesem Weg dürften die Siedler Pließnitz bzw. Gaule aufwärts gezogen sein. Sie ließen Schönau mit der alten slawischen Befestigungsanlage auf dem Hutberge rechts liegen, prägten die ehemalige Hutbergstraße (heute nicht mehr vorhanden), auf der sie schließlich wieder ins Pließnitztal kamen. Hier dürften sie Bernhardisdorf gegründet haben, entsprechend ihrem Anführer (Locator) Bernhard von Kamenz, ohne dass der unbedingt vorneweg geritten sein muss. Von diesem Bernhard I. von Kamenz wissen wir, dass er noch den Namen von Vechta führte, entsprechend seiner Herkunft aus der Saalegegend, und dass er bereits vor 1220 starb. (Knothe: Die Geschichte der Herren von Kamenz, 1866; sowie Schückel: Herrschaftsbereiche und Ministeriale der Markgrafen von Meißen, 1956). Große Hufen wurden eingeteilt, Höfe errichtet. Die ersten beiden Höfe könnten schon am Abzweig der Hutbergstraße von unserer Oberen Straße entstanden sein. Bernhardisdorf (später Altbernsdorf) wird 1234 urkundlich erwähnt. Der obere Teil des Dorfes wurde schließlich zur Stadt Bernstadt erhoben. Eine Anzahl großer Güter (Elf Hufen, die Eilfhufen) bleiben am Rande Bernstadts liegen; 2 davon waren die beiden schon erwähnten Güter am Abzweig Hutbergstraße - Obere Straße.

Diese beiden Kiesdorfer Eilfhufengüter waren und blieben bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit Bernstadt über die Hutbergstraße verbunden, gehörten zu Bernstadt. Eines der Güter war Türmel - Kretschmer, das Gut, das gegenüber dem Abzweig der Oberen Straße von der Straße Schönau-Berzdorf -Tauchritz liegt. Das Zinsregister des Klosters Marienstern nennt in Niederkiesdorf eine Freihufe. Sie lässt sich diesem Gut zuordnen. Eine Freihufe war Sitz eines Dorfschulzen. Von hier aus als Zentrum dürfte ein Dorf an der Gaule entstanden sein, bis hin zum späteren Schulberge (Lindelberge). Die Schönauer und Altbernsdorfer Hufen gingen vom Pließnitztal aus bis zur Oberen Straße. Aber keine Regel ohne Ausnahme! Am oberen Lauf der Gaule entstand ebenfalls ein Dorf, mit dem Allodium (Lehngut) als Zentrum. Das muss nicht zeitgleich mit dem niederen Dorfe erfolgt sein. Mit seiner Fläche reicht das Oberdorf ein Stück in die Altbernsdorfer Flur. Das ist sicher kein Zufall und könnte damit begründet werden, dass Altbernsdorf und Kiesdorf den gleichen Grundherrn und Gründer hatten: Bernhard von Kamenz. Woher nun einen Dorfnamen nehmen? Bernhardisdorf, Bernstadt, Altbernsdorf und Berzdorf waren als Ortsnamen nun schon vergeben. Da wäre für uns vielleicht noch “Berndörfel” geblieben. Aber es kam anders. Das hoffe ich Ihnen im nächsten Dorfblatt darlegen zu können.

Noch ein paar Bemerkungen!

Bernhardisdorf wird von der Geschichtsforschung wirklich eine zentrale Bedeutung auf dem Eigenschen Kreise eingeräumt. Kiesdorf als eine Einheit sowie Schönau werden gemeinsam in einer Urkunde erstmalig 1264 erwähnt. Eine Ablichtung liegt uns vor. In dieser Urkunde werden dem Kloster Besitzungen in unseren Dörfern seitens des Markgrafen Johann I und Otto III. von Brandenburg bestätigt, welche damals auch die Lausitz besaßen. (Quelle: Codex diplom. Lus. sup. 11.7). Nachzulesen ist das auch in der Chronik des Klosters Marienstern; 1994, Nachdruck S. 60. Pfarrer Keil schreibt 1904 in seinem Buche “Welke und grüne Blätter aus der Geschichte…, Kiesdorf wäre schon 1248 in der Gründungsurkunde des Klosters erwähnt. In dieser Urkunde waren jedoch noch keine Ortsnamen vom Eigenschen Kreise genannt. (Bestätigung durch einen Brief aus dem Klosters St. Marienstern 1994). In Zusammenhang mit Altbernsdorf betrachtet muss also Kiesdorf schon vor 1248 existiert haben.

Aber der Name…?

Wilfried Ay, Kiesdorf